The Salesman - Forushande

21.03.2017 Walter Gasperi

Eine Frau wird in ihrer Teheraner Wohnung von einem Fremden verletzt. Während sie aber keine Anzeige erstatten will, beginnt ihr Mann verbissen den Täter zu suchen. Ashgar Farhadis mit dem Oscar ausgezeichneter Film ist ein konzentriert inszeniertes und meisterhaft gespieltes Drama, in dem ein Ereignis wie in seinem Meisterwerk «Nader and Simin» zunehmend Kreise zieht.


Das Bild einer Theaterbühne, bei der die Scheinwerfer eingestellt werden, eröffnet den Film. Emad (Shahab Hosseini), der im Broterwerb als Lehrer eine Klasse von Jungs in Literatur unterrichtet und seine Frau Rana (Taraneh Alidoosti) spielen in einer Amateurtheatergruppe Arthur Millers «Tod eines Handlungsreisenden».

Der Bezug zwischen Stück und Filmhandlung ergibt sich nicht von selbst, nötig ist da schon die Erklärung Ashgar Farhadis, der Parallelen zwischen Arthur Millers Kritik an der Entwicklung der amerikanischen Gesellschaft und der damit verbundenen Krise des Kleinbürgertums in den 1950er Jahren und der iranischen Gesellschaft von heute sieht.

Gleichzeitig wird mit dem Theaterstück quasi auch das Filmgeschehen auf die Bühne gehoben, werden modellartig ausgehend von einem dramatischen Ereignis die Sicherheiten zunehmend erschüttert. Dass sich hier Risse auftun werden, deutet schon die Erschütterung des Wohnblocks von Emad und Rana durch Bauarbeiten in der Nachbarschaft an. Eine klare Metapher sind die Risse in den Wänden, die das Paar zwingen auszuziehen. Emad zeigt sich dabei noch engagiert und uneigennützig, hilft einer Nachbarin bei der Evakuierung ihres bettlägerigen Sohnes.

Bei ihrer Wohnungssuche hilft ihnen das Ensemblemitglied Babak, bietet ihnen seine gerade frei gewordene, vorher vermietete Wohnung an. Erstaunt ist das Paar, dass die Vormieterin noch Schuhe und Kleidung zurückgelassen hat, nimmt aber die Wohnung und lagert die Gegenstände auf dem Dach zwischen.

Während Babak wenig über diese Vormieterin preisgibt, deuten die Nachbarn an, dass es sich um eine Prostituierte handelte, die zahlreichen Männerbesuch hatte. Als Rana eines Abends allein zu Hause ist und es klingelt, öffnet sie in Erwartung ihres Mannes ohne über die Gegensprechanlage nachzufragen die Tür, und geht unter die Dusche.

Was nun passiert, spart Farhadi – eine ähnliche Technik wie in «Nader and Simin» geschickt aus, wechselt zu Emad, der bei seiner Heimkehr Blutspuren im Treppenhaus und Blut im Bad entdeckt, Rana im Krankenhaus – Nachbarn haben sie gefunden und eingeliefert - bei der Verarztung einer Kopfwunde findet.

Ein unbekannter Mann sei in die Wohnung gekommen, habe sie verletzt, erklärt sie. Doch sie will lieber über die Sache schweigen, als den Vorfall der Polizei melden. Bestärkt wird sie in ihrem Entschluss durch einen Nachbarn, der meint, dass sie bei Anzeige sich selbst rechtfertigen müsse, während der Mann mit einer geringen Strafe davonkommen würde. Nicht zufällig sieht man einmal auch im Bild ein Plakat zu Ingmar Bergmans Film «Skammen – Schande», denn Scham und das Gefühl der Schande stellt sich bei Rana ein.

Emad dagegen verbohrt sich in die Suche nach dem Täter, glaubt auch gegenüber den Nachbarn und ihrem Gerede hier für Aufklärung sorgen zu müssen, hat Angst um seinen Ruf und den seiner Frau.

Durch diese unterschiedlichen Positionen entfernen sich Emad und Rana immer mehr voneinander. Sie zieht sich in die Wohnung zurück, leidet unter Panikattacken und wird im Theaterstück von der Regisseurin durch eine andere Schauspielerin ersetzt, Emad wird dagegen zunehmend aggressiv – nicht nur gegen seine Kollegen bei der Theatergruppe und seine Schüler, sondern auch gegen seine Frau: er verwandelt sich langsam in das Tier, über dessen Verwandlung im Unterricht im Rahmen der Behandlung von Fabeln gesprochen wurde.

Ganz so wendungsreich und perfekt wie «Nader and Simin» ist «The Salesman» zwar nicht konstruiert, doch wie Farhadi hier das Feld der Probleme und die emotionalen Risse, die sich zunehmend weiten, wie er Fragen von Scham und deren Auswirkungen auf Rana, Blick auf den Ruf, der das Handeln leitet, von Schuld und Vergebung auf der einen und Rache auf der anderen Seite, entwickelt, ist packend anzusehen.

Das liegt einerseits an der konzentrierten Inszenierung, die auf Beiwerk verzichtet und der beweglichen Kamera von Hossein Jafarian, die den von Shahab Hosseini und Taraneh Alidoosti intensiv gespielten Protagonisten hautnah folgt. Eindrücklich machen sie in ihren Blicken, Gesten und Handlungen die zunehmende Wandlung und Erschütterung der Charaktere sichtbar.

Gleichzeitig bietet Farhadi über das universell-menschliche Drama der ausbrechenden Unsicherheiten und Risse über die Inszenierung von «Der Tod eines Handlungsreisenden» aber auch einen Kommentar zur iranischen Gesellschaft und der strengen Zensur. Denn die Behörde besucht immer wieder die Proben und verlangt Eingriffe in das Stück, erwirkt, dass eine Prostituierte, die bei Miller unbekleidet aus dem Bad auf die Bühne kommt, in dieser Inszenierung mit hochgeschlossenem roten Regenmantel auftreten muss.

FKC Dornbirn im Cinema Dornbirn: Mi 22.3., 18 Uhr + 23.3., 19.30 Uhr (fars. O.m.U.)
TaSKino Feldkirch im Kino Rio: Sa 1.4. bis Do 6.4. (fars. O.m.U.)

Trailer zu «The Salesman - Forushande»

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