Wie Vivaldi

15.03.2017 Rosemarie Schmitt

Sie waren arm, sehr arm. Viele hatten nicht einmal einen Namen. Es waren die namenlosen Mädchen des Ospedale della Pietà in Venedig. Sie hatten keine Eltern mehr, waren außerehelich geboren worden, nicht erwünscht, oder alles zusammen. Oft wusste man nur um ihre Vornamen und um ihre Begabungen. Und so nannte er sie beispielsweise «Lucieta de la viola» oder «Cattarina del cornetto».


Das Ospedale della Pietà war ein Waisenhaus und gehörte später zu einer der vier großen Musikschulen Venedigs. Es wurde 1346 gegründet und diente zunächst als Waisenhaus und Hospiz für ledige Mütter mit Säuglingen. Noch heute befinden sich in der Pietà ein Frauenhaus und Einrichtungen für die Betreuung von Säuglingen und Kleinkindern, hilfsbedürftigen minderjährigen Schwangeren und Müttern mit Kleinkindern. Es gibt dort eine Culla Segreta (eine Babyklappe) und Räume, in denen zerstrittene Elternteile nach einer Scheidung ihre Kinder in einem geschützten Raum treffen können.

ER hatte Eltern. Besonders einen Vater, der den auffallend rotschopfigen Sohn auf den Weg brachte. Man schrieb das Jahr 1693 und der Sohn war 15. Die erste Station und Aufgabe, die es zu erfüllen galt, war die des «Türstehers im Römischen Reich» (Ostiarius). Es folgte Station und Aufgabe 2, die des Lesers bzw. Vorlesers der für den jeweiligen Tag vorgesehenen Schriften des Gottesdienstes (Lektor). Darauf lehrte man ihn das Hinausbeschwören vermeintlicher Dämonen, die in Menschen, Tieren, ja, gar in Orten oder Dingen vermutet wurden (Exorzist). Nachdem er auch diese Aufgabe erfüllt hatte, wurde er schlußendlich zum Akolyth. Vorausgesetzt, man verwechselt die Buchstaben nicht, handelt es sich hierbei um eine Art «Begleiter» oder «Gefolgsmann», ein männlicher Laie, der von der Kirche dazu bestellt ist, in der katholischen Kirche einen liturgischen Dienst auszuüben.

Der Gefolgsmann folgte, nämlich weiterhin tapfer dem Weg, den sein «Herr» für ihn ausgewählt hatte, wurde zunächst Subdiakon, dann Diakon, bis er 1703 die Priesterweihe erhielt. Dieser Weg hatte ihn 10 Jahre seiner Zeit gekostet. Er hatte dem Wunsch seines Vaters (nicht des heiligen) genüge getan. Zum Beweis seines guten Willens las Antonio noch ein halbes Jahr die Messe an der Kirche San Giovanni in Oleo. Dann musste er (leider) aus gesundheitlichen Gründen (so so!) das Amt aufgeben. Noch im selben Jahr, es war 1703 und Antonio Vivaldi herrliche 25 Jahre jung, wurde er zum Maestro di violino am Ospedale delle Pietà ernannt.

310 Jahre später, nämlich im Jahre 2013, erweckte ein junger Mann namens Stefan Plewniak, ein Violinist, ein Maestro di violino, das Orchester Cappella dell’Ospedale della Pietà Venezia wieder zum Leben. Und zu was für einem! Voll Temperament, unbändiger Energie und Spielfreude, voller leidenschaftlicher Begeisterung, gepaart mit großer Musikalität und künstlerisch ausgesprochen hohem Niveau. Das Orchester Cappella dell’Ospedale della Pietà ist in vielerlei Hinsicht alles, außer gewöhnlich! Es besteht aus jungen Frauen, ganz nach dem Modell von Vivaldis Orchester aus dem 18. Jahrhundert (nicht jedoch namenlos!). Das Ziel des Orchesters, das sich auf historisch informierte Aufführungspraxis spezialisiert hat: die Musik von Antonio Vivaldi und anderen venezianischen Meistern wiederzubeleben.

Die aktuelle CD des Orchesters Cappella dell’Ospedale della Pietà «Carnevale di Venezia» ist Anfang des Jahres erschienen (EVOE RECORDS). Unter der Leitung ihres Initiators Stefan Plewniak versprüht das junge Frauenorchester nicht nur eine ausgelassene Karnevalsstimmung, sondern gewährt ebenso leisen Emotionen, jener sanften Melancholie ausdrucksstark ihren Platz. Unterstützt werden die Musikerinnen von den beiden Mezzosopranistinnen Miriam Albano und Natalia Kawalek und dem Countertenor Jakub Józef Orliński.

Der CD-Titel «Carnevale Di Venezia» ist selbstverständlich kein Zufall! Alle Kompositionen dieses Albums wurden während der Karnevalszeit in Venedig uraufgeführt. Im Italienischen bedeutet carne: Fleisch und val: lebe wohl. Möglicherweise ist hierin die Herkunft des Begriffes Karneval begründet. Wie dem auch sei - auf Fleisch kann ich gut verzichten, auf solche Musik nicht!

Herzlich,
Ihre Rosemarie Schmitt

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