Hungerjahre

30.03.2017 Walter Gasperi

Von eigenen Erfahrungen beeinflusst erzählt Jutta Brückner von der Jugend eines Mädchens aus kleinbürgerlichem Haus im Deutschland der 1950er Jahre. Bei absolut Medien ist dieser 1980 gedrehte Klassiker des Frauenfilms zusammen mit dem Dokumentarfilm «Tue recht und scheue niemand» auf DVD erschienen.


Von der Gegenwart des Jahres 1980 blickt eine Frauenstimme zurück in die BRD der 1950er Jahre. Überwinden muss sie sich dazu, sich an diese Zeit zu erinnern. Streng sind die Schwarzweißbilder, vermitteln schon viel von der Enge dieser Zeit. Lange fährt die Kamera an der Fassade eines Wohnblocks entlang, versetzt den Zuschauer dann in die Wohnung der 13-jährigen Ursula Scheuer (Britta Pohland) und ihrer Eltern.

Der Vater prahlt immer wieder damit, dass er in der frühen Nazizeit Flugblätter verteilte und in den 1920er Jahren im Ruhrkampf aktiv war, doch hohl wirken diese Geschichten in der ständigen Wiederholung. Gewerkschaftlich aktiv ist er angeblich in der BRD der 1950er Jahre, doch man sieht ihn vor allem reden. Die Mutter wiederum kennzeichnet ihre Ängstlichkeit und Sexualfeindlichkeit. Immer wieder warnt sie Ursula vor Kontakt mit Jungs.

Scheint das Familienleben zunächst glücklich, so bekommt es zunehmend Brüche, als Ursula in die Pubertät kommt. Sie erkennt, dass der Vater auch eine Affäre hat, vor allem aber entfremdet sie sich von der Mutter aufgrund deren rigiden Erziehungsstil, bis sie die kleinbürgerliche Enge nicht mehr aushält, sich – wie das letzte Kapitel überschrieben ist – selbst richtet.

Das Private bindet Jutta Brückner immer wieder an das Politische, fügt Archivmaterial vom Aufstand in der DDR am 17. Juni 1953 ein, erinnert aber auch an die Wiedereinführung der Wehrpflicht, das Verbot der KPD in der BRD und den beginnenden Algerienkrieg.

Voice-over bietet immer wieder Einblick in die Gedanken nicht nur Ursulas, sondern auch der Mutter und des Vaters, die nach den Erfahrungen der Nazi-Zeit, durch die ihnen die Jugend gestohlen wurde, dafür sorgen wollen, dass es ihrer Tochter gut geht. – Freiheit lassen sie ihr aber keine, grenzen sie ständig ein, reagieren zunehmend abweisend auf ihre Ausbruchsversuche.

Radikal ist der Film in der subjektiven Perspektive Ursulas beziehungsweise Brückners, gewinnt aber gerade dadurch und durch die ebenso bestechenden wie strengen und kargen Schwarzweißbilder Dichte und große Kraft. Ziemlich einzigartig im deutschen Kino ist diese Aufarbeitung eines Frauenschicksals zur Zeit der Adenauer-Ära, ist präzise im Privaten und vermittelt gerade dadurch einen bestechenden allgemeinen Eindruck von der gesellschaftlichen Stimmung in dieser Zeit.

Beschränkt sich «Hungerjahre», dessen Titel auf den Kontrast zwischen zunehmendem materiellem Wohlstand bei gleichzeitiger seelischer Verkümmerung anspielt, auf etwa fünf Jahre im Leben Ursulas so zeichnet Brückner im gut 60-minütigen Dokumentarfilm «Tue recht und scheue niemand» das Leben Gerda Siepenbrinks von den 1920er Jahren bis zu ihrem 60. Geburtstag Mitte der 1970er Jahre nach.

Allein mit schwarzweißen Fotos rekonstruiert Brückner dieses Leben, während man aus dem Off die Erzählungen der kleinbürgerlichen Frau hört, die von einer Näherin schließlich zur Bibliothekarin aufsteigt. Wie in «Hungerjahre» steht auch hier die individuelle Biographie für viele Schicksale und auch hier fließen in das Private unweigerlich die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche ein.

An Extras bietet die bei absolut Medien erschienene DVD ein 66-seitiges PDF-Dokument, das neben Texten von Doris Dörrie sowie Karola Gramann und Heide Schlüpmann zu «Hungerjahre» vor allem Texte von und Interviews mit Jutta Brückner zu beiden Filmen sowie zum autobiographischen Filmemachen enthält.

  • alle Fotos: (c) absolut Medien GmbH

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