Moonlight

14.03.2017 Walter Gasperi

In drei Kapiteln erzählt Barry Jenkins vom Coming-of-Age und der schwierigen Identitätsfindung eines homosexuellen schwarzen Jungen in tristen sozialen Verhältnissen. – Geschichte und Figuren sind im Grunde altbekannt, doch Jenkins findet in seinem mit drei Oscars ausgezeichneten Film eine ganz eigene filmische Sprache, die berührend die Sehnsüchte des Jugendlichen vermittelt und durch die mit dem afroamerikanischen Männlichkeitsbild gebrochen wird.


Vom ersten Bild an ist in «Moonlight» etwas anders als in den meisten Filmen. Da nähert sich die Kamera von James Laxton mit dem schwarzen Drogendealer Juan (Mahershala Ali) einem an der Straße stehenden kleinen Dealer, dokumentiert ihr Gespräch und umkreist die beiden Männer lange. Nicht nur frisch und echt wirkt diese erste Einstellung durch den Dreh an Originalschauplätzen in Liberty City, einem heruntergekommenen Viertel von Miami, sondern strahlt auch eine große Zärtlichkeit und Poesie aus, die in völligem Gegensatz zum rauen und schäbigen Milieu stehen.

Man spürt, dass Regisseur Barry Jenkins, der mit «Moonlight» seinen nach «Medicine for Melancholy» (2008) zweiten Spielfilm vorlegt, und Tarell Alvin McCraney, der mit dem Theaterstück «In Moonlight Black Boys Look Blue» die Vorlage lieferte, wissen, wovon sie erzählen. Sie kennen das Milieu, wuchsen selbst in den 1980er Jahren in tristen sozialen Verhältnissen im Drogenmilieu von Miami auf.

Im Zentrum von «Moonlight» – kein Weißer kommt in diesem Film vor - steht ein afroamerikanischer Junge, dessen schwierige Suche nach seiner Identität schon in den drei Namen «Little», «Chiron» und «Black» zum Ausdruck kommt, die er in den drei Kapiteln des Films trägt. Gleichzeitig verweisen die drei Namen für eine Person und die Besetzung der Rolle in den drei Kapiteln mit drei verschiedenen Schauspielern wie auch das gesplittete Gesicht des Filmposters darauf, dass es um eine Entwicklung geht, ein Mensch nichts Statisches ist, sondern sich verändert.

Auf die schwierige Situation dieses Afroamerikaners weist aber auch sein eigentlicher Name Chiron hin, spielt dieser doch auf den gleichnamigen Zentaur der griechischen Mythologie an, der als Zwitterwesen ein zwischen Götter und Menschen stehender Außenseiter war.

Von seiner drogensüchtigen Mutter Paula, mit der er in einer vermüllten Wohnung lebt, wird der schmächtige neunjährige Junge (Alex R. Hibbert) vernachlässigt, von seinen Mitschülern gehänselt. Der Außenseiterstatus führt ihn zum Drogendealer Juan, der sich seiner annimmt. «Du bist der Mittelpunkt der Welt» erklärt ihm Juan, als er mit ihm ans Meer geht und ihn in einer Art Taufe im Wasser in der Schwebe hält.

Autonomie und Identität zu finden, das werden, was man im tiefsten Inneren wirklich ist, auch wenn die Umwelt Homosexualität verachtet, ist das zentrale Thema von «Moonlight», der seine Spannung und seine Schönheit gerade aus dem Kontrast zwischen der machohaft zur Schau gestellten Männlichkeit in der schwarzen Community und der Sensibilität Chirons und Jenkins Bildsprache entwickelt.

Ganz in diese Feinfühligkeit des Protagonisten taucht Jenkins ein, vermittelt sie mit Kamera, Licht, einer ingeniösen Musikmontage und herausragenden Schauspielern. An die frühen Filme von Wong Kar-Wai wie «Fallen Angels» oder «Chungking Express» erinnert «Moonlight» in der Art, wie hier eine Stimmung der Sehnsucht, des Begehrens, aber auch der Einsamkeit evoziert wird.

An stringentem Erzählen ist der 37-jährige Regisseur nicht interessiert. Da verschwinden Figuren wie Juan oder dessen Freundin Teresa einfach aus dem Film und mit großen Ellipsen werden Jahre übersprungen und im Grunde wichtige Ereignisse ausgespart.

So brüchig die Identität ist, so fragmentarisch und offen ist die Erzählweise. Keinen klassischen Spannungsbogen baut Jenkins auf, sondern fokussiert ganz auf der Entwicklung und den Empfindungen Chirons, die freilich untrennbar mit dem präzise eingefangenen Milieu, in dem er aufwächst, verbunden sind.

Wenn Jenkins vom neunjährigen Außenseiter im zweiten Kapitel zum etwa 15-Jährigen (Ashton Sanders) springt, wird sich der Teenager auch seiner sexuellen Orientierung bewusst, doch das Mobbing wird härter und brutaler. «Chiron» ist bezeichnenderweise dieser Abschnitt betitelt, weil hier der Teenager für kurze Zeit seine Identität findet, die er im dritten Kapitel, das den Titel «Black» trägt, aufgrund seiner schlimmen Erfahrungen aber wieder völlig verdrängt.

Ganz in das Rollenmuster des afroamerikanischen Dealers fügt er sich da. Mit Goldkettchen und goldversiegelten Zähnen sowie muskelbepacktem Körperpanzer, den er sich antrainiert und an dem alles abzuprallen scheint, entspricht er nach Außen dem Klischee, doch Jenkins lässt stets spüren, dass dieses Außen konträr zum Innen steht.

Spürbar werden in den poetischen Bildern, in der Sensibilität des Blicks des Regisseurs ebenso wie in Gesten und Blicken von Trevante Rhodes die unausgesprochenen Sehnsüchte dieses scheinbar so harten Mannes. Schwer tut sich Chiron - oder eben Black - sich diese Gefühle einzugestehen, braucht lange, bis ihm das gelingt und berührend schildert Jenkins diesen mühsamen Weg, doch dann gönnt er diesem scheinbar harten Dealer einen Moment des Glücks, der Ruhe und Geborgenheit.

Läuft derzeit im Cinema Dornbirn (Deutsche Fassung; Dienstags O.m.U.)
TaSKino Feldkirch im Kino Rio: Fr 17.3. bis Mi 22.3. (engl. O.m.U.)
Verein allerArt in der Remise Bludenz: Mi 12.4., 19 Uhr (engl. O.m.U.)

Trailer zu «Moonlight»

weiterführende Links:

Moonlight

weiterführende Links:

Moonlight

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.