Die Verdammten des Krieges

16.03.2017 Walter Gasperi

In seinem 1989 entstandenen Vietnamfilm fokussiert Brian de Palma weniger auf den Gräueln des Krieges an sich als vielmehr auf einem Kriegsverbrechen. Der dicht inszenierte und hervorragend gespielte Film ist bei Koch Media auf Blu-ray erschienen.


Ein Insert informiert, dass «Die Verdammten des Krieges» auf einem wahren Ereignis beruht, das 1969 durch einen Artikel von Daniel Lang in «The New Yorker» der Öffentlichkeit bekannt wurde. Schon 1970 hat Michael Verhoeven auf dieser Grundlage den Film «OK» gedreht, der auf der Berlinale heftige Kontroversen hervorrief und zum Abbruch des Festivals führte.

De Palma lässt seine Version in einem amerikanischen Bus einsetzen. Langsam nähert sich die Kamera einem jungen Mann, der eingeschlafen ist. Durch eine Erschütterung des Busses erwacht er, wobei die Kamera die Perspektive wechselt und mit seinen Augen auf eine junge Frau zufährt, die bei ihm offensichtlich eine Erinnerung auslöst.

Durch die Schlagzeile «Nixon resigned» in der Zeitung des hinter der Frau sitzenden Mannes ist diese Szene auf den August 1974 zu datieren, während die den ganzen Film umspannende Rückblende undatiert bleibt, sich in der Realität aber 1966 abspielte.

Erst kurz war der junge Mann namens Eriksson (Michael J. Fox) damals im Vietnamkrieg, als er bei einem nächtlichen Gefecht im Dschungel von seinem etwa gleich alten Vorgesetzten Sergeant Meserve (Sean Penn) aus höchster Gefahr gerettet wird. Thriller-Spannung baut der Hitchcock-Epigone de Palma auf, wenn in Parallelmontage zur Rettung sich im Tunnel, in den Eriksson eingebrochen ist, ein Vietcong-Kämpfer nähert. Meisterhaft ist das zweifellos gemacht, allerdings auch zu reißerisch für die ernste Thematik.

Überzeugend wird aber herausgearbeitet, wie die ständige Angst vor Angriffen, die Ungewissheit, wer hier Freund, wer Feind ist, und der Tod eines Kameraden den Hass auf die Vietnamesen steigert. Von Anfang an wird dabei dem freundlichen und offenen Eriksson sein abgebrühter Trupp gegenübergestellt, der überall den Feind lauern sieht.

Als dann auch noch der abendliche Ausgang verboten wird, bringt das bei Meserve das Fass zum Überlaufen und er beschließt mit seinem Trupp beim nächsten Einsatz in einem nahen Dorf eine junge Frau zu kidnappen und anschließend zu vergewaltigen. Während die anderen drei Soldaten teils begeistert, teils aus Angst vor den Kameraden mitmachen, wendet sich Eriksson entsetzt ab und versucht Partei für die Vietnamesin zu ergreifen…

De Palma ist nicht an der Abrechnung mit dem Vietnam-Krieg an sich und der amerikanischen Politik interessiert, auch auf ausführliche Schilderung von Kriegsgräueln und lange Schlachtszenen verzichtet er. Der Fokus liegt ganz auf dem Kriegsverbrechen, das freilich wiederum aus den Kriegserfahrungen, die die Soldaten völlig verrohen lassen, resultiert.

Wenn der Zuschauer dabei mit Erikssons Augen auf das Geschehen blickt, gibt freilich de Palma auch den Ball an ihn weiter, fragt ihn, wie er sich denn in dieser Situation verhalten würde. Dem grausamen Verbrechen der Gruppe stellt er die Zivilcourage des Einzelnen gegenüber, zeigt aber auch, in der kurzen Rahmenhandlung, dass Eriksson dieses Erlebnis auch Jahre später noch verfolgt.

Geschwächt wird der kritische Akzent des dicht inszenierten und mit Michael J. Fox, Sean Penn und John C. Reilly hervorragend besetzten Films freilich durch Szenen, in denen sich die effektvolle Inszenierung in den Vordergrund drängt. Zu ausladend lässt hier Stephen H. Burum immer wieder die Kamera gleiten, zu sehr will Ennio Morricones Musik Szenen betonen. Wie am Beginn bringt de Palma auch gegen Ende bei der Inszenierung eines Anschlags sein Faible für Hitchcock ins Spiel. Und «Vertigo» lässt schließlich grüßen, wenn die Frau im Bus von der gleichen Schauspielerin gespielt wird wie die sieben Jahre zuvor im Krieg gekidnappte Vietnamesin.

An Sprachversionen bietet die bei Koch Media erschienene Blu-ray die englische Original- und die deutsche Synchronfassung sowie Untertitel in diesen beiden Sprachen. Neben der 114-minütigen Kinoversion wird auf einer zweiten Blu-ray eine um fünf Minuten längere Version angeboten. Die Extras umfassen neben Trailer, Bildergalerie und Deleted Scenes ein Interview mit Michael J. Fox und ein «Making of».

Trailer zu «Die Verdammten des Krieges»

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