Silence

07.03.2017 Walter Gasperi

Die Christenverfolgung im Japan des 17. Jahrhunderts bringt auch für einige jesuitische Missionare schwere Glaubensprüfungen mit sich. – Handwerklich perfekt, aber geradezu asketisch inszeniert Martin Scorsese ein dunkles Drama, in dem konzentriert und bohrend Glaubensfragen diskutiert werden.


Seit über 25 Jahren beschäftigt sich Martin Scorsese mit einer Verfilmung von Endo Shusakus 1966 erschienenem Roman «Chinmoku». Verwundern kann das kaum, denn einerseits wollte der italo-amerikanische Regisseur in seiner Jugend zunächst selbst Priester werden, andererseits ziehen sich religiöse Themen durch sein gesamtes Werk.

Als «God´s Lonely Man» sah sich schon Travis Bickle im Klassiker «Taxi Driver» (1976), mit einem Zitat aus dem Johannes-Evangelium endet «Raging Bull» (1980) und die Pietà wird in «Bringing out the Dead» (1999) nachgestellt. Mit dem umstrittenen «The Last Temptation of Christ» (1988) und «Kundun» (1997), der die Jugend des 14. Dalai Lama behandelt, hat der gläubige Katholik zudem zwei explizit religiöse Filme gedreht.

Zentrale Themen in Scorseses Werk sind Fragen nach Schuld, Sühne und Erlösung und die Gottverlassenheit des Menschen. Im Zentrum steht nun letztere in seinem Herzensprojekt «Silence», für das er trotz seiner Reputation über Jahrzehnte keine Produzenten fand. Auch jetzt wollte kein Hollywood-Studio das finanzielle Risiko eingehen, nur über unabhängige Produzenten und durch Verzicht Scorseses auf seine Gage und geringere Honorare für die Schauspieler konnte das Glaubensdrama finanziert werden.

Ästhetisch geradezu als Gegenstück zu seinen letzten Filmen «The Wolf of Wall Street», «Hugo Cabret» und «Shutter Island» ist «Silence» inszenatorisch dabei angelegt. Denn fuhr Scorsese dort alle filmischen Mittel auf, trumpfte mit spektakulären Kamerabewegungen, wilder Musikmontage, expressivem Schauspiel und hohem Erzähltempo auf, so findet sich davon in «Silence» nichts.

Zu schwarzer Leinwand hört man das Zirpen von Grillen, bis dieses mit dem Erscheinen des Titels abbricht. Immer wieder werden in den folgenden 161 Minuten Momente der Stille eintreten, Musik wird nur sehr reduziert eingesetzt.

Entsetzen lösen die ersten Bilder aus, denn man sieht zwei abgeschlagene Köpfe und mehrere Menschen, die gekreuzigt und, um ihr Leiden zu verlängern, zudem mit Wasser aus heißen Quellen tröpfchenweise bespritzt werden. Dazu hört man zunächst aus dem Off eine Stimme, die den letzten Brief des portugiesischen Jesuiten-Paters Ferreiro (Liam Neeson) vorliest.

Dieser Pater soll während der zunehmend härteren Christenverfolgungen im Japan des 17. Jahrhunderts vom Glauben abgefallen sein. Seine ehemaligen Schüler Sebastião Rodrigues (Andrew Garfield) und Francisco Garpe (Adam Driver), wollen das aber nicht glauben und machen sich auf die Suche nach ihrem Mentor.

Bei christlichen Bauern werden sie zwar aufgenommen, müssen sich aber stets verstecken, bis sie sich trennen und Rodrigues, dem der Film nun folgt, schließlich von den Beamten gefasst wird. Wie von den christlichen Bauern verlangt der Inquisitor auch vom Priester dem Glauben abzuschwören, indem er mit dem Fuß auf eine Metallplatte mit einem Bild von Christus tritt. Wer sich weigert, wird auf grausame Weise hingerichtet.

Zweifel kommen so bei Rodrigues, der nun die Rolle des Erzählers übernimmt, an seinem Glauben auf. Von Gott im Stich gelassen, der zu schweigen scheint, fühlt sich der Priester, schwört aber seinem Glauben nicht ab, auch wenn er dadurch die anderen Verhafteten retten könnte.

Großartig fängt die Kamera von Rodrigo Prieto mit nebelverhangenen und in dunkle Farben getauchten Bildern einerseits die großartige Natur und andererseits die bedrückende Stimmung ein. Kein helles Land der aufgehenden Sonne ist Japan hier, sondern armselig sind die Bauerndörfer, schlammig der Boden, von Wind und Wellen umtost die felsigen Küsten.

In großen, majestätischen Totalen verankert Prietos Kamera die Handlung in diesem Ambiente, das später mit einem Sumpf verglichen werden wird, in dem der christliche Glaube nicht Fuß fassen kann. Die Erzählweise ist ruhig, aber ungemein konzentriert, wichtiger als eine dramatische Kinogeschichte ist Scorsese die Diskussion von Glaubensfragen.

So geht es auch nicht um eine Aufarbeitung der Christenverfolgung in Japan, vielmehr dient diese als Hintergrund, um bohrend zu fragen, wie weit man für den Glauben gehen kann und soll. Kein Loblied auf den Märtyrertod wird hier gesungen, sondern auch als verbohrten Fundamentalisten kann man diesen Pater sehen, wenn er seiner Überzeugung nicht abschwört, obwohl der dadurch Menschenleben retten könnte.

In Frage gestellt wird auch die Bedeutung von Symbolen, wenn Rodrigues die Vermutung äußert, dass die Japaner mehr von Kreuz und Rosenkranz fasziniert sind als vom wirklichen Glauben, aber auch um den Gegensatz christlicher und japanisch-buddhistischer Gottesvorstellungen und der daraus entstehenden Schwierigkeit den Japanern überhaupt adäquat den christlichen Glauben zu vermitteln.

Wie Christus macht Rodrigues eine Passionsgeschichte durch, steigert sich förmlich in diese Rolle hinein, wenn er in einem Spiegelbild in einem Tümpel sein Antlitz mit dem von Christus verschwimmen sieht. Wie dieser wird er aber auch auf einem Esel durch eine Stadt geführt und wird auch immer wieder mit einem Verräter – quasi seinem Judas - konfrontiert. Schwer wird hier seine Fähigkeit zu vergeben auf die Probe gestellt, wenn dieser Verräter, immer wieder unmittelbar nach seinen Taten um die Beichte bittet. Und auch an den Zuschauer stellt der Film die Frage, ob man wirklich immer wieder vergeben kann und darf.

Bis zum Ende, wenn als dritter Erzähler ein Angestellter eines holländischen Handelsunternehmens auftritt und somit eine Außenperspektive ins Spiel kommt, wirft Scorsese gezielt mehr Fragen auf als Antworten zu geben. Da scheint dann zwar auch Rodrigues – gespalten lässt ihn am Ende auch die Lichtführung erscheinen, wenn eine Hälfte des Gesichts ins Licht, die andere ins Dunkel getaucht ist - von seinem Glauben abgefallen zu sein, bis das letzte Bild dies doch wieder nur als Fassade erscheinen lässt. Und doch steckt auch hier wieder die Frage dahinter, ob man nach außen seinen Glauben verleugnen und im Innern doch Christ bleiben kann und ob es Spiritualität bei konträrem äußerem Verhalten geben ist.

Und auch dem konsequenten Schweigen Gottes stellt Scorsese einen inneren Monolog gegenüber, indem Rodrigues betont, dass alles, was er erlebt und gesehen hat Zeugnis von Gottes Existenz ablegt. Der Kreis zum Anfang schließt sich bei diesem ebenso beeindruckenden wie schweren Film, wenn die Leinwand wieder schwarz wird, nur das Zirpen von Grillen zu hören ist, bis dieses bei den Nachspanntiteln von Regen und fernem Donner abgelöst wird.

Läuft derzeit im Cineplexx Hohenems

Trailer zu «Silence»

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