Eine Richtigstellung

27.02.2017 Kurt Bracharz

Am 17. Dezember des Vorjahres hatte mich Meinrad Pichler in den «Vorarlberger Nachrichten» in seiner Rezension des Katalogs zur Ausstellung «Der Fall Riccabona» im Landesmuseum beschuldigt, Max Riccabona diffamiert zu haben. Dabei ging es um eine Behauptung in meinem Katalogbeitrag, die ich zuvor schon einmal in einem Zeitschriftenartikel aufgestellt hatte, dass es nämlich «keinen einzigen noch so kleinen Beleg» für eine Widerstandstätigkeit Riccabonas gegen den Nationalsozialismus außerhalb seiner eigenen Behauptungen zu geben scheint – jedenfalls ist bis heute keiner aufgetaucht.


Pichler nannte meinen Text auch noch «infam», und ein anderer VN-Kolumnist, Walter Fink, fühlte sich am 11. Februar dieses Jahres zum Nachtreten aufgerufen: «Kurt Bracharz meint im abschließenden Beitrag zum Katalog, Max Riccabona im Allgemeinen und den Dichter im Besonderen auf eher niederträchtige Art posthum beleidigen zu müssen. Besonders widerlich ist die abschließende Frage, ob Riccabona denn sein Verdienstzeichen um die Befreiung Österreichs vom Nationalsozialismus mit Recht erhalten habe.»

«Diffamierend ... infam ... niederträchtig ... beleidigend ... widerlich» – worum geht es hier eigentlich? Max Riccabona (1915 – 1997) war von 1942 bis 1945 Häftling im KZ Dachau und ab 1946 Vorsitzender der Österreich-demokratischen Freiheitsbewegung. 1979 erhielt er das Ehrenzeichen für Verdienste um die Befreiung Österreichs von der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Das sind die diesbezüglichen Fakten.

Riccabona hat es in anderen, vor allem literarischen Zusammenhängen mit Fakten nie so genau genommen, an seiner persönlichen Begegnung mit James Joyce und an seiner Nottaufe für Joseph Roth darf heute mit guten Gründen gezweifelt werden, unzweifelhaft ist aber zum Beispiel, dass er sich immer gerne (und zu Unrecht) als ein «von» ausgegeben hat. Roth gegenüber soll er das getan haben, weil der so auf den gesellschaftlichen Verkehr mit Adeligen stand, aber dass Wolfgang Bauer sein Stück «Ein fröhlicher Morgen beim Friseur» in der Literaturzeitschrift «manuskripte 77/’82», also gut vier Jahrzehnte später, immer noch einem «Max von Riccabona» widmete, kann nicht dieselbe Motivation gehabt haben, Bauer hatte mit Tiroler Krautadel sicher nichts am Hut.

Die Frage, ob es Belege für eine Widerstandstätigkeit Riccabonas gibt, wenn sie immer nur durch ihn selbst kolportiert worden ist, muss erlaubt sein. Eine sinnvolle Antwort ist bisher ausgeblieben. Pichler schrieb: «Für die Nazis war Riccabonas Widerstand jedenfalls so gefährlich, dass sie ihn drei Jahre mit KZ-Haft quälten. Welche Beweise will Bracharz noch?» Abgesehen davon, dass ich immer nur nach Belegen und nie nach Beweisen gefragt habe, kann ich nun wirklich nicht erkennen, wieso die drei Jahre Dachau ein Beweis für Riccabonas «Gefährlichkeit» sein könnten, haben denn die Nazis nur wirkliche Gefährder ins KZ gesperrt? Einen solchen Unsinn kann man doch nicht ernsthaft vertreten.

Ich behaupte übrigens keineswegs – wie es auch schon missverstanden worden ist – dass Riccabona selbst ein Nazi gewesen sei, aber ich kann mir bei ihm gut vorstellen, dass er 1942 bei seinen üblichen Wichtigtuereien unterschätzte, wie sie auf Fanatiker des Regimes wirken würden. Falls er dort schon – wie dann in den allerdings gefahrlosen 1970er Jahren uns – im Wirtshaus erzählt hat, dass er als Außenminister einer österreichischen Exilregierung vorgeschlagen worden sei (was an einem anderen Wirtshaustisch in Frankreich in illuminierter Runde durchaus passiert sein kann), musste er nur einen falschen Mithörer am Nebentisch haben, um verhaftet zu werden. Unter Widerstand versteht man allerdings gemeinhin etwas anderes.


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