Der unsichtbare Gast

09.03.2017 Walter Gasperi

Hat der erfolgreiche junge Geschäftsmann Adrián wirklich im abgelegenen Pyrenäen-Hotel seine Geliebte umgebracht oder konnte der wahre Täter unbemerkt entkommen? In einer Nacht erzählt Adrián die Vorgeschichte seiner Anwältin, doch nichts ist hier so wie es scheint, stets muss Adrián die Erzählung korrigieren oder aber die Anwältin präsentiert eine andere Version. Bei Koch Media ist Oriol Paulos raffiniert aufgebauter spannender Thriller auf DVD und Blu-ray erschienen.


In einer Luftaufnahme erfasst die Kamera das nächtliche Barcelona, gleitet über die Straßenfluchten, um mit einem Schnitt den Zuschauer, vor ein Hotel zu versetzen. Eine grauhaarige Frau (Ana Wegener) betritt dieses und die Kamera folgt ihr durch die Lobby zum Lift und schließlich zu einem Zimmer. Dem jungen Geschäftsmann Adrián (Mario Casas) stellt sie sich als seine Anwältin vor.

Nie wird der Film diesen Raum verlassen, wird nur in Rückblenden aus ihm hinausführen. Dichte gewinnt «Der unsichtbare Gast» nicht nur durch diese räumliche Beschränkung, sondern auch durch die Konzentration auf diese beiden Personen und dadurch, dass Paulo beinahe in Echtzeit erzählt.

Die Anwältin erklärt Adrián, dass sie zwar in Pension sei, aber diesen Fall noch übernehme und ihn auf keinen Fall verlieren wolle. Beschuldigt wird Adrián des Mordes an seiner Geliebten, die neben ihm in einem Hotelzimmer in den Pyrenäen tot aufgefunden wurde. Adrián behauptet zwar von einem Unbekannten niedergeschlagen worden zu sein und nach Erwachen nur mehr die Tote vorgefunden zu haben, doch als die Polizei eindrang, war die Tür durch eine Sicherheitskette verriegelt und die Fenster ließen sich von innen nicht öffnen, sodass allein Adrián als Täter in Frage kommt.

Als er auch gegenüber der Anwältin auf seiner Version vom unerkannt entkommenen Dritten beharrt, setzt diese ihn unter Druck, erklärt ihm, dass sie unbedingt die ganze Wahrheit wissen müsse, wenn sie ihm helfen solle. So beginnt Adrián von einem Autounfall zu erzählen, der drei Monate zurückliegt.

Sukzessive deckt Oriol Paulo in Rückblenden, in denen die Erzählperspektive auch immer wieder wechselt, die Diskrepanz zwischen dem Schein des gefeierten IT-Unternehmens und den dunklen Seiten, die sich dahinter verbergen, auf, bietet gleichzeitig aber auch eine Lektion im unzuverlässigen Erzählen. Nie kann man hier nämlich den Ausführungen vertrauen, immer wieder wird eine Gegenversion präsentiert.

Hochgradig konstruiert – man kann auch sagen: überkonstruiert – ist dieser Thriller, erzeugt aber doch mit seinen stets neuen Wendungen, mit der sorgfältigen Arbeit mit Details, die immer wieder im Nachhinein an Bedeutung gewinnen, durchgängig Spannung. Auf Nebengeschichten verzichtet Paulo, treibt konsequent die Handlung weiter, wobei sich dann durch den raffinierten Aufbau auch aus einer zunächst scheinbar harmlosen zufälligen Begegnung eine tragische Verknüpfung mit weitreichenden Folgen ergibt.

Zur Spannungssteigerung trägt aber auch die an Bernard Herrmann Soundtracks für die Filme von Alfred Hitchcock erinnernde Musik bei und auch visuell vermag «Der unsichtbare Gast» zu überzeugen. Im Kontrast der von Grautönen dominierten, fast klinisch sauberen und glatten Bildern der Großstadt mit den Bildern der ländlichen Region, in der es zum Unfall kam, spiegelt sich auch der Gegensatz von äußerer Fassade und wahrem Sein des Protagonisten.

An Sprachversionen bieten die bei Koch Media erschienene DVD und Blu-ray die spanische Originalfassung, zu der deutsche Untertitel zugeschaltet werden können, sowie die deutsche Synchronfassung. Die Extras umfassen neben dem Trailer und zwei Musikvideos ein etwa 15-minütiges Making-of und Interviews mit den Hauptdarstellern und dem Regisseur Oriol Paulo.

Trailer zu «Der unsichtbare Gast»

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