Boston

28.02.2017 Walter Gasperi

Am 15. April 2013 kamen bei einem Terroranschlag während des Boston-Marathons drei Menschen ums Leben, 260 wurden teilweise schwer verletzt. Peter Berg zeichnet in seinem Thriller mit Starbesetzung und fulminanter Musik von Trent Reznor und Atticus Ross packend die Chronologie der Ereignisse bis zur Ergreifung der Täter nach.


Vor weniger als einem Jahr zeichnete Peter Berg mit Mark Wahlberg in der Hauptrolle die Ereignisse um den Brand der titelgebenden Ölplattform Deepwater Horizon nach. Nun widmet er sich dem Anschlag auf den Marathon von Boston im April 2013, dem schwersten Anschlag innerhalb der USA seit dem 11. September 2001.

Bei beiden Filmen ist Mark Wahlberg nicht nur Produzent und Hauptdarsteller, sondern beide Filme arbeiten auch mit demselben Aufbau und erzeugen mit den gleichen inszenatorischen Mitteln Spannung.

Differenzierte Ausleuchtung der Hintergründe interessiert Berg nicht, er ist ein Mann des ökonomischen schnörkellosen Erzählens, interessiert sich für den einfachen Menschen, für den Ermittler ebenso wie für die Opfer, aber auch für die Täter. Nüchtern ist der Erzählton, auf Psychologisierung wird verzichtet, nicht breit ausgespielt werden die Szenen, bei denen durch Zeit- und Ortsangabe nicht nur die Faktizität der Ereignisse beglaubigt werden sollen, sondern die dadurch auch an Spannung gewinnen.

Unmittelbar setzt der Film mit einem Einsatz des Polizisten Tommy Saunders (Mark Wahlberg) – der einzige fiktive Protagonist - in der Nacht auf den 15. April 2013 ein, wechselt bald zu einem jungen Paar, bald zu den tschetschenischen Brüdern, die den Anschlag vorbereiten. Geschickt baut Berg mit diesem multiperspektivischen Erzählen ein dichtes Netz auf, bis die Erzählstränge nach etwa einer halben Stunde beim Boston-Marathon und dem Anschlag im Zielgelände zusammenlaufen.

Wie Berg die Fäden zusammenhält, die Spannung steigert, bis mit der Explosion Chaos und Panik ausbrechen, zeugt von Meisterschaft. Zu einem weiteren Hauptdarsteller wird dabei Boston selbst, das die Kamera immer wieder in großen Totalen und in Kamerafahrten aus der Vogelperspektive über die Straße einfängt.

Kein Zufall war es, dass die Attentäter gerade den Boston-Marathon als Ziel auswählten, und Berg weist der Ostküstenmetropole einerseits durch den Titel – sowohl den deutschen als auch den englischen «Patriots Day» –, aber mehr noch durch die Inszenierung Symbolcharakter zu. Da geht es eben nicht um irgendeine Stadt, sondern um eine der ältesten der USA, die Stadt der Boston Tea Party und der Marathon findet jährlich am Patriot´s Day, am Gedenktag der Kämpfe von Concord und Lexington statt, mit denen im April 1775 der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg begann.

Auch den Anschlag spielt Berg nicht breit aus, bietet kein Spektakelkino, sondern bleibt bei den Menschen von der Straße. Im Wechsel von echten Kinobildern und nachgestellten unscharfen Videobildern evoziert er den durch die Explosion ausgelösten Schock, konzentriert sich bei den Opfern auf das schon am Anfang vorgestellte Paar, zeigt mit Amputationen die schlimmen Folgen, widmet sich aber vor allem der Organisation und Durchführung der Ermittlungen.

Nur knapp verleiht Berg dem vorlauten und sich immer wieder mit seinen Vorgesetzten anlegenden Polizisten Saunders, der im Zentrum des Films steht, mit einer Frau einen persönlichen Background, konzentriert sich davon abgesehen ganz auf die Chronologie der Ereignisse. Das multiperspektivische Erzählen setzt sich dabei auch nach dem Anschlag fort, wenn der Film bald einem jungen Chinesen, bald einem jungen Streifenpolizisten, bald einigen Studienkollegen der Täter und den Tätern selbst folgt.

Souverän führt Berg auch hier schließlich die Fäden zusammen, steigert immer wieder unterstützt vom großartigen Elektrosound von Rent Treznor und Atticus Ross, der bald anschwillt, bald ganz zurückgenommen wird, wenn eine Ausgangssperre verhängt wird, die Spannung. Sukzessive lässt er in den folgenden vier Tagen die Ermittler den Tätern näher rücken, doch ein Feuergefecht in einer Vorstadt wird hier nicht zum effektgierigen Spektakel, sondern bleibt wohl weitgehend realistische Nachzeichnung der Ereignisse.

Auch schürt der Film keinen Hass gegen Moslems, zeigt zwar den Fanatismus der Attentäter, stellt ihnen in einer Ermittlerin aber auch eine aufgeklärte Muslima gegenüber. Nicht Feindbilder werden hier aufgebaut, sondern vielmehr wird vor allem im Finale der Zusammenhalt der Bevölkerung gefeiert, mit dem solche Katastrophen letztlich überwunden werden können: «Boston Strong» wird bei der abschließenden Solidaritätskundgebung im Baseballstadion betont, aber auch diese Szene wird erfreulich knapp gehalten.

Läuft derzeit im Cineplexx Hohenems

Trailer zu «Boston»

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