Frantz

21.02.2017 Walter Gasperi

Am Grab ihres gefallenen Verlobten begegnet Anna im Frühjahr 1919 einem geheimnisvollen Franzosen und langsam entwickelt sich eine Beziehung. Francois Ozons lose an Ernst Lubitschs 1931 gedrehtes Drama «Broken Lullaby» angelehntes Melodram ist ein betörend schön gefilmter Schwarzweißfilm über Nationalismus und Vergebung, aber auch über Lüge und Wahrheit.


Im Vordergrund schiebt sich ein knospender gelber Zweig ins Bild, doch die Stadt im Hintergrund ist ganz in Schwarzweiß getaucht. Programmatisch ist die erste Einstellung von Francois Ozons erstem großteils in Deutschland und auf Deutsch gedrehten Films. In ein Bild wird hier gefasst, dass im Frühjahr 1919 der Erste Weltkrieg zwar vorüber ist, eine neue Zeit anbrechen kann, aber Schmerz und Trauer – die vergangenen vier Jahre – noch schwer über der Gegenwart lasten.

In dem in Sachsen-Anhalt liegenden Städtchen Quedlinburg kauft die junge Anna (Paula Beer) auf dem Markt Blumen, geht auf den Friedhof zum Grab ihres Verlobten, der kurz vor Kriegsende in Frankreich gefallen ist. Nach ihm ist der Film benannt – allerdings in französischer Schreibweise; er ist das Movens des Films, kommt aber selbst nur in wenigen kurzen Rückblenden vor.

Unbeschädigt ist das Städtchen nach außen hin, sichtbar sind die Kriegsfolgen aber in den Invaliden, denen Anna auf den Straßen begegnet. Überrascht entdeckt sie eine Rose auf dem Grab, bekommt vom Gärtner die Information, dass diese ein Franzose gebracht habe.

Als dieser Adrien (Pierre Niney) den Vater des Verstorbenen, aufsucht, weist der ihn ab. Nichts will er mit den Franzosen zu tun haben, denn alle können doch der Mörder ihres Sohnes sein. Im Gasthaus werden auch wieder nationalistische Reden geschwungen, wird die deutsche Stärke beschworen, die «Wacht am Rhein» gesungen und der Franzose angepöbelt.

Als Anna, die bei den Eltern von Frantz wohnt und von ihrem verstorbenen Verlobten die Liebe zu den Gedichten Verlaines übernommen hat, aber Kontakt zu Adrien sucht, kommt er bald ins Haus der Eltern von Frantz, erzählt von ihrer Freundschaft. «Haben sie keine Angst uns glücklich zu machen», sagt der Vater und wie sich ihr Leben durch Erzählungen aufhellt, wird auch visuell erfahrbar. Denn farbig wird der Film, wenn Adrien von einem Besuch des Louvre und vom Tanz in Pariser Kneipen erzählt, aber auch, wenn sich Anna bei einem Spaziergang an ihre Zeit mit Frantz erinnert.

Sind die Mutter und Anna von Anfang an gegenüber Adrien offener, so wandelt sich auch langsam der Vater, findet Trost in den Erzählungen des Franzosen. Spürbar werden hier auch die Völkerversöhnung und die Vergebung, wenn Anna und Frantz fließend zwischen französisch und deutsch wechseln, die sprachlichen Grenzen sich auflösen. Und der Vater von Frantz geht zwar weiterhin zum Stammtisch, erteilt dort dem Nationalismus aber eine deutliche Absage.

Doch die Dinge liegen nicht so, wie sie scheinen, und nachdem Adrien Anna die Wahrheit offenbart hat, reist er ab. Wenn Anna Monate später Adrien nach Frankreich folgt, erlebt sie dort fast spiegelbildlich wie Adrien zuvor in Deutschland Ressentiments und lernt den französischen Nationalismus kennen, wenn statt der «Wacht am Rhein» in einer Kneipe die «Marseillaise» für einmal sehr martialisch klingt.

Wunderbar dicht und mit viel Gefühl ist das inszeniert, meisterhaft ist die Kameraarbeit von Pascal Marti, schafft die Atmosphäre der Zeit, knüpft aber auch an die deutsche Romantik an. Ozon, der immer mit Farben zu spielen pflegte, versteht auch meisterhaft mit Schwarzweiß umzugehen, spielt wie schon in «5x2» oder «Huit Femmes» mit der Filmgeschichte und natürlich auch wieder mit Rollenbildern.

Geschickt wird mit Erwartungshaltungen gespielt, wenn zunächst eine homoerotische Komponente, die zentral im Werk Ozons ist, in der Beziehung zwischen Adrien und Frantz angedeutet wird, die Erwartung dann aber gezielt düpiert wird.

Meisterhaft kontrolliert und gefühlstief ist dieses Melodram und bewahrt trotz seines ernsten Themas Leichtigkeit. Nie wirkt dieser Film akademisch, verstaubt oder kulissenhaft, sondern lässt nicht zuletzt dank großartiger Schauspieler, deren Gefühle durch Echtheit bewegen, eintauchen in diese Zeit.

Über die erzählte Geschichte hinaus reflektiert Ozon aber auch – wie schon in «Swimming Pool», «Dans la maison» oder «Une nouvelle amie» – raffiniert über Fiktion und Wahrheit und fragt, ob eine tröstende Lüge nicht besser ist als eine niederschmetternde Wahrheit.

Doch wie Anna in Frankreich erkennen wird müssen, ist auch diese Wahrheit nicht die ganze Wahrheit. Zum zentralen Bild wird hier Manets «Der Selbstmörder», doch dennoch steht am Ende gerade als Gegenpol zu diesem Bild ein Lächeln Annas und das Schwarzweiß geht in Farbe über.

TaSKino Feldkirch im Kino Rio: Di 21.2., 20.30 Uhr; Mi 22.2., 18 Uhr; Do 23.2., 20.30 Uhr (deutsch-franz. O.m.U.)

Trailer zu «Frantz»

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