Jede Sekunde quält

13.02.2017 Kurt Bracharz

Ich hatte Glück, ich sah das mit Abstand beste «Trump-Video», also jenes des Schweizer Fernsehmoderators Dominic Deville, zufällig als erstes Beispiel dieses neuen Genres. Es war ja nicht das wirklich erste – das kam aus den Niederlanden – , aber unter den neueren sind einige, nach denen ich mir kein zweites angesehen hätte, wenn ich durch sie darauf gestoßen wäre.


Die Version der «Willkommen, Österreich!»-Sendung beispielsweise ist viel schwächer und zu lang, und danach fand ich nur noch den iranischen Clip gut, vor allem seinen Versuch, Trump eine Eselsbrücke zu liefern, damit er nicht die Länder verwechselt, wenn ihm einmal das Rechtschreibprogramm seines Smartphones aus der Eingabe «Irak» das Wort «Iran» machen sollte. Die Zusatzinformation, dass im Irak Araber und im Iran Perser leben und dass das einen Unterschied ausmacht, dürfte übrigens auch für viele Zuseher bei uns wertvoll sein, manchen Postings auf vol.at nach zu schließen, in denen auch die Türken für Araber gehalten werden.

Besonders unnötig war die Vorarlberg-Fassung mit extraschwachen Witzen, die wenigstens noch nicht auf der Trump-Video-Sammlung #everysecondcounts eingestellt worden ist (Stand 12. Februar 2017, abends). Wer mag noch über Hubert Gorbachs Englisch lachen, wer denkt beim Namen Wallner an The Wall, ist das Wortspiel Dallas/Dalaas wirklich lustig? Die Geschmäcker sind verschieden, dem einen oder anderen Poster fällt aber doch immer etwas Unerwartetes ein, so schrieb einer zu dem harmlos-einfältigen Vorarlberg-Clip: «Mal ganz abgesehen vom jenseitigen Englisch war eigentlich klar, dass sich die Gutmenschen Seite des reichen Vorarlberg auch noch unbedingt zu Trump äußern muss ! Zeigen tut man damit eigentlich nur, wo ein Teil unserer Intelligenz Bestien gemeinsam mit den USA rangiert. Geltungsdrang, liebe Leute ist eine Sucht, die man nicht so ohne Weiteres wieder los wird!»

Übrigens war auch in der Schweiz einem Zuseher die Deville-Produktion in den falschen Hals geraten, er schrieb: «Diese Satire beruht lediglich auf zerfressendem Neid, weil man hier nicht das gesunde Selbstbewusstsein besitzt wie die Amerikaner und daher immer nur die zweite Geige spielen darf.»

Bierernst nahmen in Österreich den schalen Scherz einmal mehr die Blauen. Der FPÖ-Mediensprecher Herbert Kickl schrieb in einer Aussendung: «Gute Satire ist wichtig und muss auch im TV seinen Platz finden, aber muss ein derartiges Satirevideo, das eigentlich von Anfang bis zum Ende unser ganzes Land samt ihren Persönlichkeiten »herunterdodelt«, mit Zwangsgebühren eines öffentlich-rechtlichen Senders finanziert werden?» Da musste das Team Stronach natürlich noch eines draufsetzen: Die Abgeordnete Waltraud Dietrich richtete eine Anfrage an den Wissenschaftsminister Mitterlehner und den Kanzleramtsminister Drozda, ob Maßnahmen gegen die Verursacher des Videos ergriffen werden könnten und stellte Gretchenfragen wie «Sind Sie persönlich der Meinung, dass dieses Video dem Ansehen Österreichs förderlich ist, wenn ja, warum?»

Ob das Bekanntwerden solcher Ministeranfragen dem Ansehen des Landes förderlich ist, fragt wieder keiner.


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