Sie nahm dem Leben sich

08.02.2017 Rosemarie Schmitt

Musik und Literatur, das sind zwei meiner großen Leidenschaften. Dass ausgerechnet dieser Musiker, dessen Arbeit ich so sehr schätze, sich dem Werk von Virginia Woolf widmet, ist für mich eine große Freude!


Es findet zusammen, was zusammen gehört! Literatur & Musik, Max Richter & Virginia Woolf. «Three Worlds: Music from Woolf Works» ist der Titel der CD (Deutsche Grammophon). Ein musikalisches Triptychon, bestehend aus Vertonungen dreier Werke Woolfs, die eindringlicher, emotionaler nicht sein könnten. Richters Kompositionen zu Mrs. Dalloway, Orlando und The Waves, evozieren ein bildgewaltiges Kopfkino! Ob Sie nun die Texte von Virginia Woolf kennen, oder nicht. Ob Sie diese erst vor kurzer, oder aber vor langer Zeit gelesen haben, das spielt dabei keine Rolle.

Mir gefällt ausserordentlich, was Max Richter zu diesem Thema sagt, und ich stimme mit ihm überein!: «Wenn man sich nach etlichen Jahren noch einmal mit einem Autor beschäftigt, erlebt man immer Überraschungen. Ich hatte ihre Bücher anders in Erinnerung. Aber natürlich sind die Bücher noch dieselben - es ist der Leser, der sich verändert hat.»

Bereits die erste Minute der CD haut mich quasi vom Hocker. Ich höre Virgina Woolfs Stimme! (Eine BBC-Aufnahme vom 29. April 1937). Virginia Woolf starb am 28. März 1941. Folgenden Text schrieb ich vor einigen Jahren:

«Es war im März 1941 als Virginia, wie sie es oft tat, an Ouse heran trat. Sie war eine Schriftstellerin und wurde über Jahre hinweg immer wieder von Wellen fürchterlich quälender Traurigkeit heimgesucht. Häufig kam sie auch dann zu Ouse um sich neben ihn zu setzen, sich auszuruhen, ihm zu lauschen, sich zu erholen, zu schreiben, um eine Weile zu schwimmen oder unterzutauchen. Sie war eine sehr gute Schwimmerin. Manchmal erzählte sie ihm auch von ihren Sorgen und Ängsten. Oft schien es ihr zu helfen und sie fühlte sich nach einem solchen Besuch besser.

Eines Tages tauchte sie wieder bei Ouse auf. Sie legte ihren Spazierstock ins Gras und setzte sich zu ihm. Nach einer Weile des Schweigens begann sie mit Ouse zu sprechen. Sie sagte, sie sei für alle bloß eine einzige Last. Besonders für ihren geliebten Ehemann. Niemand hätte so gut zu ihr sein können und sie so glücklich machen können wie er. Aber sie vergeude und ruiniere sein Leben und er könne besser arbeiten und schreiben (auch er war Schriftsteller) ohne sie. Sie glaubte nicht, daß zwei Menschen auf der Welt hätten glücklicher sein können, als sie und ihr Leonard. Es sei das vollkommene Glück gewesen, bis sie krank wurde.

»Ich werde verrückt, oh ja, daß wurde ich schon des Öfteren, ich weiß, aber dieses Mal, nein dieses Mal werde ich nicht wieder gesund werden. Das fühle ich deutlich«, sagte sie weinend zu Ouse und dieser murmelte: »Komm her Virginia, komm näher heran zu mir. Ich kann sie ganz genau spüren, deine Sehnsucht. Deine Sehnsucht nach dem Wasser, der Tiefe, dem beflügelndem Naß. Deine Sehnsucht nach der Leichtigkeit. Komm her zu mir. Ich werde deine Schwere, deine Trauer und deine salzigen Tränen wegspülen.«

»Oh, du bist mir in all den Jahren ein so guter, starker, geduldiger und verschwiegener Freund geworden, so oft ein Quell des Trostes und manchmal hast du mich auch aufgeheitert und dich als Balsam für meine geschundene Seele erwiesen. Wie oft saß ich hier bei dir und schrieb. Ja, schreiben war für mich stets eine Therapie um mich über Wasser zu halten, doch nun versagt auch diese Methode«, entgegnete Virginia und trat näher an Ouse heran.

»Ach meine liebe Freundin, wie sehr plagt auch mich dein Kummer, komm, erfrische dich an mir und laß uns deine Sorgen ertränken. Ich werde dir helfen. Das verspreche ich. Bin ich nicht immer ehrlich zu dir gewesen? Vertraue mir«, hörte Virginia ihren so wohlbekannten Freund Ouse sagen. Seine Stimme hörte sich beinahe an wie ein zärtliches Glucksen, ein freundschaftliches Blubbern und ein aufforderndes Raunen. Hatte Ouse sie nicht sogar vorhin angelächelt? Und Virginia Woolf ging hin zu Ouse und vertraute sich ihm an.»

Den Abschiedsbrief von Virginia Woolf an ihren Ehemann Leonard rezitiert die amerikanische Schauspielerin Gillian Anderson (Titel 16 / The Waves - Tuesday). Ihre Stimme und diese «Romanmusik» von Max Richter zu hören, ist für mich ein großes, wundervolles Geschenk! Herausragend sind sowohl die Kompositionen Richters, als auch die Interpretationen von ihm (piano & modular synthesizer) und dem Deutschen Filmorchester Babelsberg (unter der Leitung von Robert Ziegler).

Vor nahezu 76 Jahren nahm sie sich das Leben und nahm dem Leben sich.

Herzlichst,
Ihre Rosemarie Schmitt

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