Hidden Figures - Unerkannte Heldinnen

07.02.2017 Walter Gasperi

Anfang der 1960er Jahre herrscht in den USA noch Rassentrennung, doch auf drei geniale afroamerikanische Mathematiker kann die NASA im Wettlauf gegen die Sowjets um die Vormachtstellung im All nicht verzichten. Unterhaltsam und detailreich, aber auch sehr glatt setzt Theodore Melfi in seinem für drei Oscars nominierten Spielfilm diesen vergessenen Frauen und ihrem beharrlichem Kampf um Anerkennung und Gleichberechtigung ein Denkmal.


Nur kurz stellt Theodore Melfi in sepiafarbenen Bildern Katherine Goble als mathematisch hochbegabtes Kind vor, um dann von den 1920er Jahren ins Virginia des Jahres 1961 zu springen. Mit einer Autopanne auf einer Landstraße stellt er seine Protagonistinnen vor, stellt der sich als Mechanikerin betätigenden Dorothy Vaughan (Dorothy Spencer), die durchaus auf ihre äußeren Reize setzende Mary Jackson (Janelle Monáe) und die zurückhaltende Katherine Goble (Taraji P. Henson) gegenüber.

Gleichzeitig wird aber auch gleich der Widerspruch dieser Zeit sichtbar gemacht, wenn das Auftauchen eines Polizisten zunächst Angst verbreitet, er auch seine Macht demonstriert, sie dann aber zum NASA-Gelände eskortiert, da im Kampf gegen den sowjetischen Vorsprung in der Weltraumherrschaft alle Amerikaner zusammenhalten müssen.

Die Prägnanz und Pointiertheit, mit denen Melfi in dieser ersten Szene die Dinge auf den Punkt bringt, ist typisch für «Hidden Figures»: Immer wieder werden zentrale Momente geschickt verkürzt und verknappt, um einprägsam und emotional wirksam dem Zuschauer die Benachteiligung, aber auch die Möglichkeit der Veränderung bewusst zu machen.

Die Rassentrennung, die in diesen Zeiten die USA noch bestimmt, herrscht auch auf dem NASA-Gelände. Geschickt spielt so der Film mit dem Widerspruch zwischen Fortschrittsdenken und Streben nach der Eroberung neuer Welten auf der einen Seite und gesellschaftlichem Stillstand auf der anderen, wenn die drei Damen mit zahlreichen anderen Afroamerikanerinnen in einem eigenen Trakt arbeiten müssen und es eigene Toiletten für Farbige gibt.

Doch als der NASA-Chef Al Harrison (Kevin Costner) mit seinem Team bei den Berechnungen nicht weiterkommt, holt man doch die geniale Katherine, während Mary in der Technik einen Job zu bekommen versucht und Dorothy in der aufkommenden Computertechnik ihre Begabung zeigt. Der Fokus liegt aber klar bei Katherine, bei der neben dem Job auch von ihrem Privatleben als junge Witwe von drei Kindern und einer neuer Liebe erzählt wird.

Kurz angeschnitten werden zwar Demonstrationen für Bürgerrechte oder ein Anschlag auf einen Bus mit Afroamerikanern, aber sehr versöhnlich bleibt der Film insgesamt, familientauglich einen leichten Ton forcierend, statt hart und bitter die Rassentrennung zu attackieren.

Melfi zeigt zwar dessen vielfältige Ausprägungen von den Toiletten über die hinteren Plätze in den Bussen bis zu speziellen Bereichen in der Bibliothek, doch zeigt er eben auch immer, wie diese Benachteiligung durch Beharrlichkeit überwunden werden und Mauern förmlich eingerissen werden können.

Jede der drei Frauen hat hier ihre großen Auftritte. Da weicht die Kamera vor Dorothy und ihrem Team zurück, wenn sie den Umzug in den Haupttrakt durchgesetzt hat, da kann Mary mit entschlossenem Auftreten vor Gericht einen Richter bewegen ihr den Besuch einer High School zu erlauben, in die bislang nur Weiße gingen. Und Katherine, die in der rein männlich besetzten Rechenabteilung der NASA Alltagsrassismus erlebt, kann mit entschlossenem Auftreten gegenüber ihrem Chef dessen Respekt gewinnen.

Melfi zeigt aber nicht nur die Benachteiligung von Afroamerikanern, sondern auch den von Frauen in dieser Zeit. «Hidden Figures» setzt damit die filmischen Frauenporträts des letzten Jahres von «Suffragette» über «Lou Andreas Salome», Paula Modersohn-Becker («Paula – Mein Leben soll ein Fest sein») , die Tänzerin Loie Fuller («Die Tänzerin») und die zweifache Nobelpreisträgerin Marie Curie («Marie Curie») fort, zeigt wie diese einerseits aufgrund ihrer Hautfarbe, andererseits auch aufgrund ihres Geschlechts benachteiligten Frauen sich durchsetzen.

Wie ein später Nachhall der Obama-Administration wirkt dieser Film, wenn gegen Ende in einem Song mehrfach «Yes We Can» propagiert wird und stellt freilich auch einen Gegenpol zur Trump-Präsidentschaft dar, die auf Ausgrenzung und Konfrontation setzt.

Zutiefst amerikanisch ist dieser Film im Glauben an die Überwindung von Missständen durch Beharrlichkeit und feiert auch die USA in der ausführlichen Schilderung des Raumfahrtprojekts und dessen zunehmenden Erfolgen. So sehr Melfi die Geschichte der drei Mathematikerinnen dabei auch fiktionalisiert, so versucht er in diesem Erzählstrang der Historizität des Stoffes immer wieder Nachdruck zu verleihen, indem er grobkörniges, teilweise auch schwarzweißes Archivmaterial einschneidet, das er dann bruchlos in Filmszenen übergehen lässt.

Für einen großen Film ist «Hidden Figures» zu glatt, lässt Bruchstellen und Ambivalenzen, aber auch entscheidenden Tiefgang vermissen, unterhält aber auf sympathische Art. Denn das ist sicher erzählt, mischt Gefühl und Witz mit Spannung, bietet ein starkes und stark gespieltes Frauentrio im Zentrum, das in dem von Kevin Costner zurückhaltend gespielten NASA-Chef und Kirsten Dunsts Abteilungsleiterin starke weiße Gegenpole hat, evoziert auch mit der detailreichen Ausstattung die Atmosphäre der Zeit und hat natürlich das Herz auf dem rechten Fleck. – Die Feier dieser Frauen und ihrer lange Zeit verschwiegenen Leistungen kommt zwar sehr spät - aber besser spät als nie.

Läuft derzeit im Cineplexx Hohenems

Trailer zu «Hidden Figures - Unerkannte Heldinnen»

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