Wodka Lemon

10.04.2007 Walter Gasperi

Mit genauem Blick für Details erzählt der Kurde Hiner Saleem vom Leben und Überleben in einem postsowjetischen armenischen Bergdorf. - Eine Tragikomödie, die in ihrer lakonischen Erzählweise und im Brechen der sozialen Tristesse durch Komik an die Filme von Jim Jarmusch und Aki Kaurismäki erinnert.


Ein Bett mit eisernem Gestell rast halsbrecherisch schnell mit einem alten Mann durch eine von Bergen umgebene schneebedeckte Hochebene. Erst mit dem Stoppen dieses seltsamen Gefährts wird die Szene in einen Kontext gestellt: Der Alte wurde von einem klapprigen VW-Bus zu einem Begräbnis gezogen, bei dem er mit anderen Musikern Flöte spielt.

Das Ereignis an sich ist tragisch, doch in der knochentrockenen Inszenierung, die an Jim Jarmusch oder Aki Kaurismäki erinnert, gewinnt es Komik. Wie in den Filmen des Amerikaners und des Finnen sind die sozialen Zustände desolat, einzig Menschlichkeit kann die Tristesse aufhellen.

Der in Paris lebende irakische Kurde Hiner Saleem blickt genau auf die Lebensbedingungen in dem postsowjetischen Bergdorf und lässt dem Zuschauer Zeit sich umzusehen. Beiläufig rückt er die halbfertigen Neubauten und die alten Häuser, deren Inventar sukzessive verkauft wird, ins Bild. Die Jungen sind entweder auf ihrer Suche nach Jobs längst emigriert oder dem Alkohol verfallen.

Trost findet der alte Hamo nur am Grab seiner Frau oder wie die anderen Dorfbewohner im Getränk, das dem Film den Titel gibt. Hoffnung, dass sich an den Verhältnissen etwas ändert, gibt es in «Wodka Lemon» keine, aber die Menschen haben Überlebensstrategien entwickelt und wie mit dem Frühling der Schnee schmilzt und die Natur um das Bergdorf zu neuem Leben erwacht, so entwickelt sich auch zwischen Hamo und der Verkäuferin Nina langsam eine Beziehung.

Voll Wärme und Mitgefühl blickt der 1964 geborene Saalem auf diese hinreißend gezeichneten Figuren. Die wortkarge und distanzierte Erzählweise verhindert dabei ein Abgleiten ins Sentimentale. Vieles geschieht hier zwischen den Bildern und statt stringent eine Geschichte zu erzählen setzt Saalem auf fragmentarische Momentaufnahmen und einzelne Beobachtungen aus dem Dorf.

Aus dieser Einbettung des Individuellen in das soziale und geographische Umfeld und aus seinem authentischen, teilweise fast dokumentarischen Gestus gewinnt «Wodka Lemon» aber nicht nur seinen Charme und seine tiefe Melancholie, sondern vermittelt auch eine ähnlich widersprüchliche Weltsicht wie Roberto Benigni in Jarmuschs «Down by Law» mit dem Satz «It´s a sad and beautiful world». – Todtraurig und zum Heulen komisch ist das Leben und die Aufhebung dieser Ambivalenz ist nur in einem surrealen märchenhaften Finale möglich.

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.