Manchester by the Sea

14.02.2017 Walter Gasperi

Ein Mann soll die Vormundschaft für seinen 16-jährigen Neffen übernehmen, doch immer noch lastet ein Jahre zurückliegender Fehler mit fatalen Folgen schwer auf ihm. Mit seinem dritten, für sechs Oscars nominierten Spielfilm gelang Kenneth Lonergan ein meisterhaft inszeniertes und gespieltes Familiendrama über Wunden, die nie heilen, und das Leben, das trotzdem weitergeht.


Übers Meer nähert sich die Kamera der an der amerikanischen Ostküste gelegenen Kleinstadt Manchester by the Sea und beschwört das Bild einer idyllischen Küstenstadt. Ins Bild werden auch zwei Männer mit einem Jungen gerückt, die auf dem Fischerboot Claudia Marie angeln.

In welcher Beziehung die Männer und der Junge zueinander stehen, bleibt zunächst offen, denn abrupt bricht die Szene ab und der Zuschauer wird ins winterliche Boston versetzt. Programmatisch ist dieser Auftakt für Kenneth Lonergans Erzählstil. Fortlaufend hält er Informationen zurück, baut ohne zu dramatisieren beiläufig Geheimnisse um die Figuren auf, in die er erst langsam Einblick gewährt. Das geht bis hin zum Namen des Bootes, dessen Bedeutung erst am Ende geklärt wird.

Nichts gibt Lonergan so zunächst auch preis über den schweigsamen Lee Chandler (Casey Affleck), der in Boston als Hausmeister alle möglichen Handwerksarbeiten verrichtet und wegen seiner Unfreundlichkeit immer wieder Probleme mit seinem Chef bekommt. Sozialen Kontakt vermeidet er möglichst, lässt eine Frau in einer Bar abblitzen, prügelt sich mit Männern, die ihn zu lange ansehen und wohnt in einer kleinen und fast fensterlosen Einzimmerwohnung, die an eine Gefängniszelle erinnert.

Bewegung kommt in das quasi eingefrorene Leben Lees, auf dem sichtlich ein vergangenes Erlebnis schwer lastet, als er die Nachricht erhält, dass er in seine Heimatstadt Manchester by the Sea zurückkehren soll. Auch hier hält Lonergan Informationen zurück, erst im Krankenhaus erfährt man, dass Lees an einer Herzschwäche leidender Bruder Joe (Joe Chandler) verstorben ist. Lee soll nun aber die Vormundschaft für dessen 16-jährigen Sohn Patrick (Lucas Hedges) übernehmen.

Gegensätzliche Charaktere treffen so aufeinander, denn während Lee sich völlig vom sozialen Leben abschottet, hat der Teenager zwei Freundinnen, spielt in einer Band und im Eishockeyclub seiner Schule. Während Lee unbedingt wieder aus Manchester weg möchte, möchte Patrick seine Heimatstadt auf keinen Fall verlassen.

Meisterhaft verankert die Kamera von Jody Lee Lipes die Handlung in der winterlichen Küstenstadt. Weder Schauplatz noch die der Arbeiterklasse angehörenden Figuren wirken hier geschönt, sondern strahlen eine Natürlichkeit aus, die wesentlich zur Dichte dieses wunderbar ruhig und kontrolliert erzählten Dramas beitragen. Hier wird nichts dramatisiert und Emotionen werden nicht aufgebauscht, sondern eher zurückgenommen, doch gerade in dieser Zurückhaltung schleicht sich «Manchester by the Sea» ins Herz des Zuschauers, bewegt, rührt und bleibt haften.

In perfektem Aufbau bietet Lonergan in abrupt einsetzenden Erinnerungen Lees sukzessive Einblick in dessen Vorgeschichte, nähert sich langsam der schweren Schuld, die er durch einen Fehler auf sich geladen hat und an dem nicht nur seine Ehe zerbrochen ist. Wie die Haie, über die die Fischer Witze machen, plötzlich aus den Tiefen des Meeres vorstoßen und Angst und Erschütterung auslösen können, so kann das glückliche und ruhige Meer des Lebens von einem Moment auf den anderen fundamental erschüttert, ja zerstört werden. – Finden kann man diese Metapher im Film, doch Lonergan forciert sie nicht, drängt sie dem Zuschauer nicht auf.

Dass Lee für seine Tat von der Justiz nicht zur Verantwortung gezogen wurde, weil er ja kein Verbrechen beging, machte die Sache für ihn keinesfalls leichter, sondern schwerer. Doch wie jetzt nach dem Tod des Bruders ging auch damals das Leben weiter. In seiner Heimatstadt, in der fast alle von «DEM Lee Chandler» sprechen und einen Bogen um ihn machen, konnte und kann er freilich nicht mehr leben.

Mit wunderbarer Zurückhaltung spielt Casey Affleck diesen Lee. Nachvollziehbar wird so sein Verhalten und tiefstes Mitgefühl empfindet man mit diesem gebrochenen Mann, der in den Rückblenden als zwar chaotischer, aber lebenslustiger liebender Ehemann und Familienvater gezeichnet wird. Großartig ist aber auch Michelle Williams als Lees Ex-Frau, die zwar nur wenige Auftritte hat, bei einer Begegnung mit Lee aber für einen der bewegendsten Momente des Films sorgt.

Während in den meisten Filmen Schuldgefühle am Ende überwunden werden, beschönigt Lonergan nichts, macht klar, dass hier durch eine Unachtsamkeit eine psychische Wunde aufgerissen wurde, die nie mehr heilen wird. Immer wieder sind zwar Szenen Passagen aus Händels «Messias» unterlegt, doch Erlösung gibt es hier keine.

Was einmal passiert ist, kann nicht ungeschehen gemacht werden, aber irgendwie geht das Leben dennoch weiter. Lichter wird «Manchester by the Sea» zwar, wenn nach zwei Stunden frostiger Winterstimmung im Finale vor einem Fenster sprießende Knospen doch einen kommenden Frühling andeuten und wenn das Auftaktbild auf dem Fischerboot wieder aufgenommen wird. Wie früher wird aber nichts mehr sein, die Schatten des fatalen Fehlers lassen sich nicht vertreiben.

TaSKino Feldkirch im Kino Rio: 16.2., 20.30 Uhr; 17.2., 22 Uhr; 18.2., 22 Uhr; 20.2., 18 Uhr (engl. O.m.U.)
Spielboden Dornbirn: 18.2. + 24.2. - jeweils 19.30 Uhr (engl. O.m.U.)
Leinwandlounge in der Remise Bludenz: 8.3., 19 Uhr (engl. O.m.U.)

Trailer zu «Manchester by the Sea»

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