Jackie

31.01.2017 Walter Gasperi

Der Chilene Pablo Larrain legt kein Biopic über Jacqueline «Jackie» Kennedy, die Gattin von John F. Kennedy und Stilikone der 1960er Jahre vor, sondern beschränkt sich auf wenige Tage nach der Ermordung ihres Ehemanns. – Ein kühles, faszinierendes und facettenreiches Porträt mit einer elektrisierenden Performance von Natalie Portman.


Eigenwillig arbeitet der Chilene Pablo Larrain immer wieder Geschichte auf. In «No!» kopierte er den Stil der frühen 1980er Jahre, um vom Referendum gegen Augusto Pinochet zu erzählen, in «Neruda», der demnächst anläuft, zeichnet er, lustvoll zwischen Fakten und Fiktion oszillierend und verspielt fabulierend ein Porträt des chilenischen Nobelpreisträgers.

Auch sein erster englischsprachiger Film ist alles andere als ein weiteres der zahllosen Biopics, fällt in Erzählweise und formaler Gestaltung aus dem Rahmen, fasziniert aber gerade dadurch. Vom ersten Moment an versteht es Larrain den Zuschauer zu fesseln.

In Großaufnahme erfasst die Kamera, begleitet von schwerer, Unheil ankündigender Musik von Mica Levi «Jackie» Kennedy auf ihrem Weg durch den Garten ihres Landhauses in Hyannis Port, Massachusetts.

Intensiv vermittelt Natalie Portman durch ihren Gesichtsausdruck, die tiefe Trauer und gleichzeitig den Kampf um Fassung, das Unterdrücken von Tränen. Sie ist die vom Mord an ihrem Mann schwer erschütterte Gattin ebenso wie die First Lady, die Haltung bewahren muss. – Vom Glamour und Glanz, den sie mit Partys und Einladungen an Künstler und andere Promis ins Weiße Haus brachte, ist aber nichts mehr zu spüren.

In ihrem Landhaus besucht sie eine Woche nach den tödlichen Schüssen vom 22. November 1963 ein namenlos bleibender Journalist (Billy Crudup) von «Life». Das Interview, das er mit der Präsidentenwitwe führt, bildet den Rahmen des Films, gleichzeitig bringt es ein weiteres Thema ins Spiel, wenn Jackie von Anfang an betont, dass sie bestimmen wird, was letztlich gedruckt wird.

Immer wieder wird so die Frage nach der Wahrheit gestellt, wird die Subjektivität der Darstellung betont, stehen der Selbstinszenierung die wahren Empfindungen gegenüber. Groß- und Nahaufnahmen, wechselnd zwischen Frontal- und Profilansichten bestimmen diese Interviewszenen, von denen Larrain mit Jackies Erinnerungen zurückblickt.

Nicht chronologisch erzählt sie, sondern vielmehr assoziativ reihen sich Szenen aneinander. Die Biographie Jackies interessiert Larrain nicht. Er beschränkt sich auf die wenigen Tage nach dem Präsidentenmord und als Gegenpol auf die nachinszenierte Fernsehaufzeichnung einer Führung der Präsidentengattin durch das Weiße Haus im Februar 1962.

Im Gegenüber dieser ganz im Stil des Schwarz-Weiß-Fernsehens dieser Zeit gehaltenen Sendung, in der der neue Schwung und die Lebensfreude, die Jackie ins Weiße Haus brachte, zum Ausdruck kommen, steht die tiefe Trauer nach dem Tod ihres Mannes. Nur kurz währte das Glück des vom Broadway-Musical «Camelot» übernommenen gleichnamigen mythischen Königshofes von König Artus im Weißen Haus. Umso größer war die Fallhöhe.

So nah Larrain dabei auch an Jackie dran ist, so kühl bleibt der Film, so undurchschaubar letztlich die Protagonistin. Er macht zwar viele Facetten sichtbar, verzichtet aber weitgehend aufs Psychologisieren und versucht nicht die Präsidentengattin zu erklären.

Meisterhaft trifft er – wie schon in «No!» nicht nur in Ausstattung und Kostümen, sondern auch in Farben und filmischer Gestaltung den Stil der Zeit, lässt untrennbar nachinszenierte Szenen und Archivmaterial ineinander fließen. Die politischen Ereignisse interessieren ihn nicht, den Fokus richtet er ganz auf Jackie, die einerseits mit noch blutverschmiertem pinkem Chanel-Kleid Zeuge wird, wie Lyndon B. Johnson wenige Stunden nach dem Kennedy-Mord in der Air Force One als Präsident vereidigt wird.

Andererseits muss sie ihrer fünfjährigen Tochter und ihrem dreijährigen Sohn beibringen, dass ihr Vater ermordet wurde, und sich um das Begräbnis kümmern. Das Private trifft so auf das Öffentliche, bei dem die Inszenierung, für die sich Jackie am Begräbnis von Lincoln orientiert, wieder eine zentrale Rolle spielt. Erst spät wird bei diesem Strom von Erinnerungen, der immer übersichtlich bleibt, auch der Mord in Dallas nachgeliefert.

Nicht nur die Musik von Mica Levi und der herbstlich-nebelverhangene Friedhof von Arlington beschwören hier bedrückende Stimmung, sondern auch die Dominanz von Großaufnahmen vermittelt das Gefühle von Enge und Beklemmung. Bei aller Fokussierung auf dieser Stilikone der 1960er Jahre wird «Jackie» aber nie zu einem hagiographischen Film. Unnahbar bleibt die von Natalie Portman oscarreif gespielte Titelfigur und gerade dadurch schillernd und faszinierend.

Läuft derzeit im Takino Schaan und im Kino Rex in St. Gallen (engl. O.m.U.)

Trailer zu «Jackie»

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