All the tea in China

23.01.2017 Kurt Bracharz

Die zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstandene Redewendung hieß eigentlich «Not for all the tea in China», bedeutete «(Das tue ich) nicht für alles in der Welt» und bezog sich darauf, dass China seit jeher der größte Teeproduzent der Welt ist. Mittlerweile ist sie in der negativen wie in der positiven Fassung zu Buch- und Filmtiteln geworden. Dass das Produktionsspektrum der chinesischen Tees von den miesesten Qualitäten bis zu den – auch international – höchsten reicht, hat sich noch nicht überall herumgesprochen. Als vor einigen Jahren der stark fermentierte Pu-Erh-Tee als Schlankheitsmittel galt, konnte man im Westen faulige Blätter als Pu-Erh verkaufen, es wusste ja niemand, wie er schmecken sollte. Echter, qualitativ hochwertiger Pu-Erh schmeckt keineswegs grausig und ist auch nicht billig.


Der britische Romancier Eric Ambler erzählt in seiner Autobiographie «Ambler by Ambler» (dt. Ausgabe Zürich 1986) eine Anekdote über chinesischen Tee: «Seine privaten Witze waren oft weit hergeholt. Ich erinnere mich nur an einen. Den Tee, den wir tranken, nannte er immer »Bohee«. Als ich ihn nach dem Grund dafür fragte, bekam ich eine ausführliche Erklärung. Es sei ein chinesisches Lehnwort, das im achtzehnten Jahrhundert aufgekommen sei und »schwarzer Tee von bester Qualität« bedeutet habe und ein Jahrhundert später »schwarzer Tee von schlechtester Qualität« bedeutete. Er war überzeugt, daß die Chinesen selbst mit Bohee immer das minderwertige Zeug bezeichnet hatten. Es sei die natürliche Arroganz und Selbstgefälligkeit der weißen Kaufleute gewesen, die sie ursprünglich zu der Annahme geführt hatte, daß ehrerbietige Chinesen ihnen nur das Beste verkaufen würden. Ob ich wüßte, dass die Chinesen, wenn sie uns auslachten, immer hinter vorgehaltener Hand lachten? Kein Wunder, was? Hi, hi! Bohee! Pah!»

Die besten chinesisches Tees werden nur in China selbst auf den Markt gebracht. Sie werden unzeremoniell getrunken, wie die Chinesen ja überhaupt einen Hang zum Profanen haben. An die gesundheitlichen Wirkungen von Grüntee glauben aber alle, wie man etwa den Erinnerungen des Mao-Leibarztes Zhi-Sui Li entnehmen kann: «Um Maos Gesundheitszustand beurteilen zu können, mußte ich ihn zunächst einmal untersuchen. Schon bei der Durchsicht von Maos Krankenblatt hatte ich festgestellt, dass die Zahl seiner weißen Blutkörperchen seit zwei Jahren erhöht war. Der Vorsitzende litt an einer chronischen Infektion, und ich mußte die Ursache finden. Mao war immer stolz auf seinen guten körperlichen Zustand gewesen und hasste es, von einem Arzt untersucht zu werden. Ihm war noch in schlimmer Erinnerung, wie ihn ein sowjetisches Ärzteteam vier Jahre zuvor allzu gründlich geprüft hatte. Er hatte schließlich die Geduld verloren und die Mediziner davongejagt. Während einer unserer Englischstunden ergriff ich die Gelegenheit und erklärte Mao, daß ich ihn wegen einer zu hohen Zahl weißer Blutkörperchen eine halbe Stunde lang untersuchen wolle. Er war einverstanden. Mit der Nase und den Nebenhöhlen war alles in Ordnung. Dann schaute ich in seinen Mund. Ich sah, dass Maos Zähne mit einem grünlichen Belag überzogen waren. Mao war es nicht gewohnt, sich die Zähne zu putzen. Wie viele Bauern aus dem Süden Chinas spülte er sich morgens den Mund einfach mit Tee aus und aß die Teeblätter, nachdem er die Flüssigkeit getrunken hatte. Ein paar Zähne schienen locker zu sein, und aus dem Zahnfleisch trat Eiter aus. Eine derartige Infektion bereitet normalerweise erhebliche Schmerzen, doch Mao hatte nie über Beschwerden geklagt. Vermutlich besaß er eine hohe Schmerztoleranz und litt stumm, weil ihm Ärzte verhasst waren. Auf meinen Rat hin war Mao bereit, sich erstmals seit vielen Jahren von einem Zahnarzt behandeln zu lassen. Der von mir engagierte Zahnmediziner entfernte zunächst den grünen Belag von den Zähnen. »Um zu verhindern, dass sich der Belag neu bildet, sollten Sie sich täglich die Zähne putzen, Vorsitzender«, empfahl er. »Nein«, protestierte Mao. »Ich reinige meine Zähne mit Tee. Ein Tiger putzt sich auch nie die Zähne, und trotzdem sind sie scharf.«»

Das Foto zeigt zwei Tassen Frühlings-Oolong aus Fujian vor dem ersten Abguss.


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