Lubitsch, Sternberg und Co. Filmautoren in Hollywood, 1930–34

04.03.2017

10.02.2017 bis 09.03.2017  Österreichisches Filmmuseum

Im Zuge einer großen Aufarbeitung des sogenannten «Pre-Code»-Kinos in den USA präsentiert das Österreichische Filmmuseum acht zentrale Regieautoren aus der Zeit, bevor die Major Studios ihr rigides Selbstzensur-System etablierten: den Production Code. Während der erste Teil des Projekts am Beispiel der Warner-Bros.-Schmiede den genius of the system ins Zentrum stellte, fragt die aktuelle Schau nach den Möglichkeiten, die sich für individualistische Filmkünstler/innen in der freizügigen Atmosphäre zu Beginn der turbulent thirties ergaben.


Die Bandbreite reicht von berühmten Kinoklassikern wie Josef von Sternbergs Marlene-Dietrich-Filmen und Ernst Lubitschs sophisticated sex comedies bis zu den erstaunlichen Wiederentdeckungen späterer Jahrzehnte. Darunter befindet sich die Pionier-Regisseurin Dorothy Arzner ebenso wie der geheimnisvolle Rowland Brown, dessen drei Regiearbeiten allesamt before the code entstanden – und so selten zu sehen sind, dass die Begeisterung für Browns originelle, kritische Entwürfe nur unregelmäßig, aber umso intensiver aufflackert.

Bei den großen, schon im Stummfilm etablierten Namen zeigt sich, wie die spezifischen Qualitäten und Freiheiten der Pre-Code-Ära ihren Interessen entgegenkamen. Sexuelle Freizügigkeit und Direktheit erlaubten Lubitsch seine pikantesten Beziehungskomödien (Trouble in Paradise) und doppelbödigsten Musicals (The Smiling Lieutenant) – und Sternberg die fiebrigsten Höhenflüge in exotisch-erotische Traumwelten, z.B. rund um Dietrich als unersättliche Zarin in «The Scarlet Empress». Urbane Dynamik und schnelle, schlagfertige Dialoge trieben Raoul Walshs vitale Inszenierungskunst in Komödien wie Me and My Gal zu atemberaubenden Höhepunkten. Realistische Milieuzeichnung erdete nicht nur Walshs Filme, sondern auch jene von Hollywoods Vorzeige-Romantiker Frank Borzage: transzendente Liebesgeschichten der Depressionszeit wie in seinem Meisterwerk «Man's Castle».

Während Walsh, Borzage und Brown im Umfeld jener Firmen florierten, aus denen 1935 mit 20th Century Fox ein neues Major Studio hervorgehen sollte, verhalf Frank Capra seiner alten Homebase Columbia Pictures praktisch im Alleingang zum Aufstieg – mit gewagten Sujets und unerreichter Experimentierfreude. Aber auch Paramount Pictures, das selbsternannte «Studio of the Stars», setzte bewusst auf den Wettbewerb starker Regisseure. Ein Ausnahme-Auteur wie Sternberg konnte hier seine Visionen im Duett mit «seinem» Star Dietrich durchsetzen. Zugleich ist er das Musterbeispiel dafür, wie im strengeren Industrie-Reglement ab 1935 einige besonders unangepasste Schlüsselstimmen Hollywoods leiser wurden oder ganz verstummten.

Ernst Lubitsch (1892–1947) war als Meister der Andeutungskunst von den Maßnahmen des Production Code am wenigsten betroffen (1935 wurde er prompt Produktionschef bei Paramount). Nichtsdestotrotz kommt der sprichwörtliche Lubitsch touch – die Eleganz des gezielten «Weglassens», um umso Unerhörteres zu insinuieren – in der Pre-Code-Ära am stärksten zur Geltung: Individuelle und «klimatische» Frivolität multiplizierten einander und entfalteten sich ungehemmt in Liebesreigen (One Hour With You) und Dreieckskomödien (Design for Living).

Auch Josef von Sternberg (1894–1969) war bereits fest etabliert, als er Marlene Dietrich zum glamourösen Zentrum von «Morocco» (1930) machte. Aber hier und in den Folgefilmen konnte er seine singuläre Vorstellung einer visuell durchkomponierten und ebenso prächtigen wie perversen Kino-Poesie ausleben wie nie zuvor. Die zunehmende Extravaganz von begehrenssatten Geniestreichen wie «Dishonored» führte jedoch zum Verlust der Publikumsgunst – nach der Trennung von Dietrich dauerte es Dekaden, bis Sternbergs Kunst wieder weltweit gewürdigt wurde.

Rouben Mamoulian (1897–1987) kam als gefeierter Theaterregisseur zu Paramount und erregte im frühen Tonfilm Aufsehen mit technisch-stilistischen Innovationen: Berühmt sind etwa die visuellen Verwandlungen in seinem «Dr. Jekyll und Mr. Hyde», der bis heute besten Filmversion des Stoffs. Das Lubitsch-affine Musical «Love Me Tonight» besticht mit rhythmisch-erzählerischen Experimenten, die «Sternbergianische» Hammett-Verfilmung «City Streets» mit eigenwilligen Bild- und Tonideen – Errungenschaften, die mit dem Verblassen von Mamoulians Stern in Vergessenheit gerieten.

Bei Paramount hatte auch Dorothy Arzner (1897–1979) ihre produktivste Phase: Als erste Frau, die im klassischen Hollywood als Regisseurin Karriere machte, gab sie ihren Filmen eine einzigartige feministische Perspektive und subversiv-sozialkritische Noten, die sich schon in den Titeln zeigen – von der Trinker-Tragikomödie «Merrily We Go to Hell» bis zur Studie in Sachen weiblicher Selbständigkeit: «Working Girls».

Raoul Walsh (1887–1980) war über Jahrzehnte hinweg eine Ikone des US-Actionkinos, aber in den Pre-Code-Jahren bei Fox konnte er die Frische und den Elan seiner Inszenierungen in spezieller Weise verdichten, etwa in der Komödien-Wiederentdeckung «Sailor‘s Luck» und vor allem mit «The Bowery»: Der großstädtische Überschwang im Hollywoodkino dieser Ära tritt hier im Tarnkleid eines historischen New-York-Getümmels auf.

Der einzige «reine» Pre-Code-Auteur ist Rowland Brown (1900–1963). Seine Regiekarriere umspannt die Jahre 1931–33 – und dank seiner Kompromisslosigkeit endete sie jäh. Die beiden Gangsterfilme «Quick Millions» und «Blood Money» sowie das Kettensträflingsdrama «Hell‘s Highway» sind knappe, böse Gesellschaftsstudien mit eigener Handschrift, und sie sind ebenso mysteriös wie Browns Lebenslauf (sein Insider-Wissen wurde oft auf persönliche Unterweltbeziehungen zurückgeführt).

Frank Borzage (1893–1962) wechselte Anfang der Dreißiger zwischen den Studios, blieb sich aber selber treu: Sein romantisches Ideal, zart und mit überwältigender Innigkeit beschworen, trat in fruchtbare Wechselwirkung mit Pre-Code-Milieubildern der Weltwirtschaftskrise, zwischen New York (Bad Girl, prämiert mit dem Regie-Oscar) und Deutschland (die Fallada-Verfilmung Little Man, What Now? mit der sich abzeichnenden NS-Herrschaft im Hintergrund).

Frank Capra (1897–1991), schon in der Stummfilmzeit zu Columbia gekommen, etablierte sich als Vorzeigeregisseur des Studios. Seinen besten Filmen, die fast alle zwischen 1931 und 1934 entstanden, eignet eine Schärfe, die meilenweit entfernt ist vom sentimentalen «Capracorn»-Rezept seiner späteren Filme: vom brutalen Bankkrisen-Countdown «American Madness» bis zur Religionssatire «The Miracle Woman» mit Barbara Stanwyck, die auch in Capras untypischem Meisterwerk «The Bitter Tea of General Yen» brilliert.


Lubitsch, Sternberg und Co. Filmautoren in Hollywood, 1930–34
10. Februar bis 9. März 2017

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  • Blonde Venus, 1932; Josef von Sternberg. Fotocredit: Österreichisches Filmmuseum
  • The Bowery, 1933; Raoul Walsh. Fotocredit: Österreichisches Filmmuseum
  • Quick Millions, 1931; Rowland Brown. Fotocredit: Österreichisches Filmmuseum
  • Dr. Jekyll and Mr. Hyde, 1931; Rouben Mamoulian. Fotocredit: Österreichisches Filmmuseum
  • Morocco, 1930; Josef von Sternberg. Fotocredit: Österreichisches Filmmuseum
  • Man's Castle, 1933; Frank Borzage. Fotocredit: Österreichisches Filmmuseum
  • Design for Living, 1933; Ernst Lubitsch. Fotocredit: Österreichisches Filmmuseum
  • The Miracle Woman, 1931; Frank Capra. Fotocredit: Österreichisches Filmmuseum
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