Wim Wenders - Die frühen Jahre

09.02.2017 Walter Gasperi

Männer auf der Suche nach ihrer Identität stehen im Zentrum der Filme von Wim Wenders. Die innere Suche korrespondiert dabei immer mit einer äußeren Reise. Bei Studiocanal sind fünf Spielfilme aus den 1970er Jahren in einer von Wenders selbst digital restaurierten Fassung in einer Box («Wim Wenders – Die frühen Jahre»), teilweise aber auch erstmals als Einzeltitel, auf Blu-ray erschienen.


Nicht mehr lange zu leben hat der an Leukämie leidende Bilderrahmenmacher Jonathan Zimmermann (Bruno Ganz) in der Patricia Highsmith-Verfilmung «Der amerikanische Freund» (1977). Vom Amerikaner Tom Ripley (Dennis Hopper) lässt er sich deshalb zu einem bezahlten Mord überreden, um mit der Prämie seiner Frau (Lisa Kreuzer) und seinem kleinen Sohn Daniel eine finanzielle Basis für die Zukunft zu verschaffen.

Doch dieser einsame Auftraggeber, der vom Handel mit gefälschten Bildern lebt, gerät angesichts der Begegnung mit Jonathan immer mehr über sich und sein Leben ins Sinnieren, baut eine Freundschaft zu Jonathan auf, den er um seine Familie und seine kleine Werkstatt zu beneiden scheint.

Ein klassischer Genrefilm auf den Spuren Hitchcocks, dessen Spannungsdramaturgie Wim Wenders in einer Mordszene in der Pariser U-Bahn und einer in einem Intercity-Zug souverän kopiert, ist «Der amerikanische Freund», gleichzeitig aber auch ein unverkennbarer Film seines Regisseurs.

Mindestens gleich wichtig wie die Story ist hier nämlich die Befindlichkeit der Figuren und wie immer bei Wenders stehen dabei einsame Männer im Zentrum, während die einzige Frau nur eine Nebenrolle spielt. Und wie immer in den frühen Filmen dieses Regisseurs ist die Handlung untrennbar mit den Orten und der Zeit, an denen und in der der Film spielt, verbunden.

Von Hamburg mit einem verfallenden Hafengelände zur kalten Betonarchitektur des modernen Pariser Viertels La Defense führt so die Handlung und kurze Szenen spielen auch in New York. Die Zeitstimmung fließt wiederum ein, wenn an Straßenwänden mit den Aufschriften «BRD = Polizeistaat» oder «Mord an Holger Meins: Nieder mit der Klassenjustiz» an den RAF-Terror der 1970er Jahre erinnert wird.

Und schließlich ist dieser Thriller speziell in der Farbgestaltung vom knallgelben Regenmantel von Jonathans Sohn bis zum roten VW-Käfer, aber auch in den Stimmungen, die hier durch Licht- und Farbsetzung erzeugt werden, eine Hommage an die Farbdramaturgie von Wenders´ Vorbild Nicholas Ray. Dieser spielt folglich hier auch einen Bilderfälscher, wie Samuel Fuller als Mafiaboss auftritt.

Gleichzeitig kommt mit dem Bilderrahmenmacher und der Fälschung von Bildern die Auseinandersetzung mit der Bildproduktion an sich ins Spiel, mit der sich Wenders theoretisch aber auch direkt in seinen Filmen immer wieder beschäftigt hat bis hin zu seinem großen Dokumentarfilm «The Salt of the Earth».

Stellte «Der amerikanische Freund», den man unbedingt in der deutsch-englischen Originalfassung anschauen sollte, einen Schritt hin zum klassischen amerikanischen Genrekino, das Wenders seit seiner Kindheit faszinierte, dar, so kennzeichnete seine davor entstandenen Handke-Verfilmungen «Die Angst des Tormanns beim Elfmeter» (1972) und «Falsche Bewegung» (1975) sowie «Alice in den Städten» (1974) und «Im Lauf der Zeit» (1975) ein von dramaturgischen Regeln völlig befreites Erzählen. Beobachtung und Begleitung der Figuren und der Schauplätze ist hier wichtiger als eine klassische Kinohandlung.

So gibt es in dem dreistündigen Road-Movie «Im Lauf der Zeit» keine dramatischen Steigerungen und keine Handlungsentwicklung, keine Tempowechsel, aber auch keine Symbole oder Chiffren - Wenders zeigt das, was er sieht. Er verzichtet auf jedes Psychologisieren und entdeckt die äußere Wirklichkeit neu.

Und diese Wirklichkeit ist hier die ehemalige deutsch-deutsche Grenze zwischen Lüneburg und Hof. Hier trifft der Kinomechaniker Bruno (Rüdiger Vogler), der mit seinem klapprigen Lastwagen die langsam sterbenden Landkinos abfährt, auf Kamikaze, der aus Übermüdung oder aus Selbstmordabsicht mit seinem VW-Käfer in die Elbe rast. Bruno nimmt Kamikaze auf seiner Tour mit und ruhige Bilder von der Fahrt wechseln mit kurzen Begegnungen in den Dörfern.

Geredet wird nicht viel, Wenders zeigt alltägliche Figuren und Handlungen. Gerade dadurch gewinnen diese aber ihre Echtheit und die Orte ihre Authentizität. Nichts wird beschönigt an der trostlosen Situation der Kinos, die sich mit Porno- und Kriegsfilmen über Wasser zu halten versuchen. Doch zu diesen das Publikum ausbeutenden Machwerken setzt dieses unendlich gelassene und unspektakuläre Road-Movie bewusst einen Kontrapunkt und öffnet dem Kino neue Türen.

Da gibt es keinen übereilten Schnitt, keine hektische Kamerabewegung - Dieser Film braucht nicht nur viel Zeit, sondern er schenkt auch dem Zuschauer Zeit zum Sehen und die präzis eingesetzte Rock-Musik und die großartigen schwarzweißen Landschaftstotalen (Kamera: Robbie Müller und Martin Schäfer) vermitteln eine Weite und eine Sehnsucht, die den Glauben, dass alles anders werden könnte, wach hält.

An Extras bietet die bei Studiocanal erschienene Blu-ray-Box «Wim Wenders – Die frühen Jahre» zudem die Kurzfilme «Same Player Shoots Again», «Silver City Revisited» und «Reverse Angle» sowie geschnittene Szenen, ein Interview von Roger Williamson mit Wenders zu «Falsche Bewegung» und vor allem Audiokommentare von Wenders zu allen Filmen.

Trailer zu «Der amerikanische Freund»

  • Der amerikanische Freund (1977)
  • Der amerikanische Freund (1977)
  • Der amerikanische Freund (1977)
  • Im Lauf der Zeit (1975)
  • Im Lauf der Zeit (1975)
  • Im Lauf der Zeit (1975)

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