La La Land

10.01.2017 Walter Gasperi

Ein Mann lernt in Los Angeles eine Frau kennen. Sie träumt von einer Karriere als Schauspielerin, er vom eigenen Jazzclub. – Einfacher könnte die Geschichte kaum sein, aber Damien Chazelle macht daraus ein fulminantes Musical, das einerseits Hommage ans klassische Hollywood ist, andererseits mitreißend auf mehreren Ebenen die Bedeutung von Träumen beschwört und selbst zum Träumen einlädt.


Im falschen Film wähnt man sich, wenn es mit zerkratztem Schwarzweiß und klassischem 4:3-Format beginnt, doch sogleich erscheint in kräftigen Technicolor-Farben der Schriftzug Cinemascope und das Bild weitet sich. – Schon mit diesem Auftakt eröffnet Damien Chazelle damit einen Diskurs zur Filmgeschichte, erinnert an filmische Entwicklungen. Durchgängig spielt der 31-Jährige damit, übernimmt Formen und Inhalte und variiert sie.

Einerseits verleiht dies «La La Land» eine bewusste Künstlichkeit, andererseits sorgen das reale Los Angeles und alltägliche Probleme der Protagonisten für Realismus. Wie dies grandios zusammenfließen kann, zeigt schon die fulminante Exposition, die Filmgeschichte schreiben dürfte.

Lange gleitet hier die Kamera von Linus Sandgren zunächst in Parallelfahrt an den auf einem Freeway im Stau steckenden Autos vorbei, nähert sich dann einer Autofahrerin, die zunächst zu singen beginnt, dann aussteigt. Bald steigen auch andere Autofahrer aus, beginnen ebenfalls zu singen und bald auf der Straße oder den Autodächern zu tanzen, mit Skateboard oder BMX-Rad zwischen den stehenden Autos durchzufahren.

Sensationell ist dass diese etwa vierminütige Szene in einer fulminanten, elektrisierenden Plansequenz gefilmt ist, die Kamera sich bald dieser Person zuwendet, bald einer anderen, bald ran- und dann wieder zurückfährt, ja förmlich selbst zu tanzen scheint.

Erstmals kreuzen sich in diesem Stau die Wege von Mia (Emma Stone), die in einem Coffee Shop arbeitet, aber von einer Karriere als Schauspielerin träumt, und Sebastian (Ryan Gosling). Folgt der Film zunächst Mia durch den Tag, so wird am Abend, wenn sie, von Jazzklängen angelockt, ein Restaurant betritt, nachgeholt, wie Sebastian lebt, der vom eigenen Jazzclub träumt, aber in einem kleinen Appartement wohnt und als Restaurant-Pianist sein Geld verdient.

Voraussehbar ist, dass es früher oder später zwischen den beiden doch funken wird und – im Gegensatz zu klassischen Musical wird hier die Initiative aber von der Frau ausgehen - sich eine Liebesbeziehung mit dem klassischen Auf und Ab, bei dem auch ihre beruflichen Träume und ihre Zweifel daran hereinspielen, entwickeln wird.

Die Geschichte des entsprechend der Jahreszeiten in vier Kapitel und einen Epilog gegliederten Films ist somit recht schlicht, doch der unglaubliche Schwung und Fluss der Inszenierung, der Varianten- und Einfallsreichtum der Tanzszenen und das Spiel mit der Filmgeschichte machen «La La Land» zu einem furiosen und großen Film.

Da wecken nicht nur die kräftig roten, blauen und gelben Kleider Erinnerungen an die großen Hollywood-Musicals eines Vincente Minnelli, sondern auch Details wie Poster von Ingrid Bergman, «The Black Cat», «The Killers» oder «Lilien auf dem Felde» in Mias Zimmer oder eine Straßenmalerei mit den Konterfeis von Filmlegenden wie Chaplin, James Dean und Clark Gable rufen Kinoträume wach.

Ausgiebig wird auch mit Nicholas Rays «Rebel Without a Cause – Denn sie wissen nicht, was sie tun» gespielt, den sich Mia und Seb nicht nur im Kino anschauen, sondern Realität und Film wird auch in Bezug gebracht, wenn sie das Griffith Observatorium, in dem auch eine Szene von Rays Kultfilm spielt, besuchen.

Gleichzeitig thematisiert Chazelle dabei aber auch immer wieder die Veränderung der Kinolandschaft, erinnert mit einer Filmpanne an die Zeit des 35mm-Films, im Finale mit unscharfen und verwackelten privaten Familienfilmen an eine andere Art von Filmemachen und mit dem Schließen eines Kinos an die schwierige Lage dieser Kultur. Eine Absage erteilt er dabei deutlich dem Heimkino, wenn Mia ein Restaurant gerade in dem Moment genervt verlässt, in dem ihre Bekannten begeistert die Vorzüge des Heimkinos gegenüber dem echten Kino hervorheben.

Bis zum Ende wird diese nostalgische Hommage ans Kino durchgezogen und im Schluss - wenn Mia selbst gewissermaßen zu Ingrid Bergman geworden ist - kann man wohl auch eine bewusste Variation von «Casablanca» sehen, wenn Mia der großen Liebe wiederbegegnet und selbstverständlich auch das Klavierspiel eine wichtige Rolle spielt.

In «La La Land» denkt aber nicht nur das Kino über sich selbst nach, sondern Chazelle, der schon mit dem mitreißenden «Whiplash» sein Faible für Jazz demonstrierte, reflektiert auch über die Musikbranche, über Kommerzialisierung und Anpassung an den Publikumsgeschmack auf der einen Seite und das beharrliche Festhalten an seinem Stil und seinen Träumen auf der anderen.

Und gleichzeitig macht dieser schließlich auch bittersüße Film, dem man in jeder Szene anmerkt, wie viel Liebe und Leidenschaft Chazelle hineingelegt hat, auch deutlich, dass berufliche und private Träume nicht immer gleichermaßen verwirklichbar sind, dass man manchmal den einen für den anderen opfern muss.

«La La Land» selbst aber lässt den Zuschauer nicht nur vom alten Kino träumen, sondern beschert ihm auch selbst zumindest in den Tanzszenen, die wie die Auftaktszene mit ungemein beweglicher Kamera in teils atemberaubenden Plansequenzen gefilmt sind, einen Kinotraum.

Vom großen Ballett auf dem Freeway über eine Steptanz-Szene vor dem Hintergrund des nächtlichen L.A. bis zu einem Walzer spannt sich der Bogen. Berührend darf Mia in Großaufnahme, bei der um sie herum die Leinwand in Schwarz getaucht wird, eine Hymne auf Träume und Träumer singen, und wenn Mia und Seb im Planetarium die Schwerkraft überwinden und das Sternenmeer zum Tanzboden wird, dann hebt angesichts dieser Leichtigkeit und Grazie wohl auch der Zuschauer ab.

Läuft ab Donnerstag im Cinema Dornbirn und im Cineplexx Hohenems

Trailer zu «La La Land»

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