The Salvation Hunters

02.02.2017 Walter Gasperi

Josef von Sternbergs 1925 gedrehtes Debüt ist weit entfernt vom Glamour der Marlene-Dietrich-Filme, mit denen sein Name heute verbunden wird. Näher ist dieser Film im schonungslosen Realismus schon bei Erich von Stroheims legendärem «Greed». In der Edition Filmmuseum ist diese universelle und zeitlose Schilderung des Lebens am Rand der Gesellschaft und des Traums vom Glück in restaurierter Fassung auf DVD erschienen.


«Der Junge», «Das Mädchen», «Das Kind», «Der Mann» – keinen Namen erhalten die Protagonisten. Das setzt sich fort in den Schauplätzen. Gedreht wurde zwar im Hafen von Los Angeles, in der Innenstadt und im Umland, doch die Zwischentitel negieren diese klare Lokalisierung sprechen von «Ein Hafen – wie jeder andere», «Eine Stadt - wie jede andere» oder einfach von «Das Land».

Durch die Abstraktion soll bewusst gemacht werden, dass hier anhand einer konkreten Geschichte exemplarisch etwas Zeitloses und Universelles erzählt wird. Kaum Handlung entwickelt sich zunächst, vielmehr beschwört von Sternberg in gleichermaßen tristen wie poetischen Einstellungen die Stimmung des Hafens, spiegelt in den Objekten und Arbeitsprozessen die Situation der Menschen.

Der Müll und das Treibgut im Hafenbecken korrespondieren mit dem arbeitslosen jungen Mann, dem Mädchen und dem Jungen, die hier herumhängen, der Bagger, der immer wieder Schlamm aus dem Wasser fördert, mit ihrer Sehnsucht nach einem glücklichen Leben.

Mehr zufällig als gezielt formiert sich aus dem jungen Mann, dem Mädchen und dem Jungen eine Familie. Gemeinsam brechen sie auf der Suche nach dem Glück, nach einem Platz an der Sonne in die Stadt auf.

Vergeblich sucht der Mann hier – wie schon im Hafen – einen Job. Quasidokumentarische Aufnahmen von Bettlern und Obdachlosen vermitteln einen Eindruck von der Not. Was Hintergrund ist, rückt hier teils in den Vordergrund, die Geschichte dient streckenweise nur dazu, den Blick auf die allgemeine soziale Not zu öffnen. Bedenken sollte man dabei, dass dieser Film nicht während der Weltwirtschaftskrise, sondern in den sogenannten «Goldenen Zwanzigern» entstand und spielt.

So landet das Trio in einem Armenviertel, in dem ihnen ein vermeintlich netter Gentleman eine kostenlose Unterkunft verschafft. In Wahrheit ist er aber nur darauf aus, die junge Frau zur Prostituierten zu machen. Lässt er sie zunächst hungern, um sie für seine Zwecke zu gewinnen, so versucht er sie schließlich auf dem Land zu bezirzen und zu überreden, für ihn anschaffen zu gehen. Statische Einstellungen dominieren den Film, vermitteln die Stagnation im Leben, die Ausweglosigkeit der Situation der Protagonisten.

«Jesus saves» steht einmal an einer Fassade, aber von Gott kommt hier keine Rettung. Auf sich gestellt sind die Protagonisten, müssen lernen, ihre Ängste und ihre Feigheit zu überwinden, an sich selbst zu glauben. Nur so können sie ihrer verzweifelten Lage entkommen - und damit wird im Finale auch die Erzählweise temperamentvoller und dynamischer.

Mit dem Minimalbudget von 4500 Dollar hat Josef von Sternberg sein Debüt an Originalschauplätzen gedreht. Ein Höchstmaß an Realismus entwickelt «The Salvation Hunters» daraus. Wie in von Stroheims ein Jahr zuvor entstandenem «Greed» wirkt hier nichts gestellt und kulissenhaft. Ungeschminkt werden die Not und das Elend geschildert.

In krassen Gegensatz steht dieser Film damit zu den gerade für die exotischen Schauplätze, die extravagante Ausstattung und Kostüme berühmten Filme, die von Sternberg nach «Der blaue Engel» mit Marlene Dietrich in den 1930er Jahre drehte.

Quer zu diesem Hollywoodkino steht dieses Debüt, gespalten waren folglich die Reaktionen der Kritik, doch Charlie Chaplin war so begeistert, dass er «The Salvation Hunters» über die von ihm, Mary Pickford und Douglas Fairbanks gegründete Produktionsfirma United Artists in Amerika vertreiben ließ.

So öffnete «The Salvation Hunter» von Sternberg das Tor zu Hollywood. Mit «Underworld» und «The Last Command» stieg er zu den Starregisseuren auf, dennoch ist der 1929 gedrehte «The Case of Lena Smith» nur als vierminütiges Fragment erhalten. Dieses findet sich auf der in der Edition Filmmuseum erschienenen DVD und vermittelt einen Eindruck von der Wandlung von Sternbergs.

Statt harten Realismus bestimmt die erhaltene Szene die Ausgelassenheit eines Abends im Wiener Prater. Ganz im Gegensatz zur Statik von «The Salvation Hunters» kennzeichnet diesen Film eine Dynamik, die nicht nur durch Schiffsschaukeln und wechselnde Attraktionen des Vergnügungsparks, sondern auch durch Überblendungen erzeugt wird.

Schließlich findet sich auf der DVD noch der dreißigminütige Video-Essay «Josef von Sternberg, The Salvation Hunter» von Janet Bergstrom, den die amerikanische Filmwissenschaftlerin für diese DVD-Edition erstellt hat. Ausführlich beleuchtet Bergstrom darin Entstehung, formale Gestaltung und Rezeption von Sternbergs höchst außergewöhnlichem Debüt.

Detaillierten Einblick in den «The Case of Lena Smith» bietet dagegen das 2007 als fünfter Band in der Reihe FilmmuseumSynemaPublikationen erschienene Buch «Josef von Sternberg. The Case of Lena Smith». In der zweisprachigen deutsch-englischen Publikation wird auf 300 Seiten anhand von 150 Originalfotos, Set-Zeichnungen, zahlreichen Drehbuch- und Produktionsnotizen sowie mit mehreren Essays dieser Film, in dem von Sternberg das Wien seiner frühen Kindheit zum Leben erweckte, rekonstruiert.

Literaturhinweis: Horwath, Alexander / Omasta Michael, Josef von Sternberg. The Case of Lena Smith. FilmmuseumSynemaPublikationen, Bd. 5, 304 Seiten, Wien 2007, ISBN 978-3-901644-22-1

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