Jahrgang 45

26.01.2017 Walter Gasperi

Jürgen Böttcher folgt dem jungen Alfred, der gerade im Begriff ist sich von seiner Frau Lisa scheiden zu lassen, durch ein paar Sommertage. Schon vor der ersten Aufführung wurde die lockere Alltagsschilderung 1966 in der DDR verboten, erst 1990 erlebte der Film seine Uraufführung. In der Edition Filmmuseum ist Böttchers einziger Spielfilm zusammen mit zwei kurzen Dokumentarfilmen auf DVD erschienen.


Automechaniker Alfred (Rolf Römer) hat ein paar Tage Urlaub. Seine Scheidung von der Krankenschwester Lisa (Monika Hildebrandt) steht bevor. Er besucht seine Mutter, hängt mit seinen Kumpels herum und besucht mit ihnen eine Baustelle, schaut an seiner Arbeitsstelle vorbei, geht mit einer Verkäuferin, die er von früher kennt, aus. Mit seinem Opa geht er ins Pergamonmuseum, beobachtet Lisa bei einer Tanzveranstaltung und besucht sie schließlich doch bei ihrer Arbeit im Krankenhaus.

Jürgen Böttcher baut keine dramatische Handlung auf, sondern beobachtet Alltägliches. Großartig fängt er in den Schwarzweißbildern von Roland Gräf die sommerliche Stimmung ein, macht aber auch die Unentschlossenheit Alfreds sichtbar. An den legendären Film der Weimarer Republik «Menschen am Sonntag“ erinnert »Jahrgang 45« im quasidokumentarischen Blick, aber auch an die Nouvelle Vague in seiner Ungezwungenheit und Natürlichkeit und hat nicht zuletzt dank der unverkrampft und authentisch agierenden Schauspieler bis heute nichts von seiner Frische verloren.

Wunderbar ist dieser an Originalschauplätzen gedrehte Film nicht nur im unverfälschten Blick auf Menschen und Wirklichkeit, sondern auch in seiner Offenheit, im befreiten Erzählen, bei dem immer alles möglich scheint. Meisterhaft vermittelt er dadurch die Stimmung Alfreds und seiner Generation, die kein Interesse am Aufbau des sozialistischen Staates zeigt, sondern ihr privates Glück in den Mittelpunkt stellt.

Mit Sozialistischem Realismus hat dies freilich nichts zu tun, denn hier zeigt einer nicht, wie die Welt sein soll, sondern wie sie ist. Diese Darstellung der Jugend wurde folglich auch vom Zentralkomitee der SED überhaupt nicht goutiert und »Jahrgang 45« wurde schon in seiner Rohschnittfassung verboten. Erst nach der Wende konnte der Film 1990 fertiggestellt und auf der Berlinale uraufgeführt werden.

Die in der Edition Filmmuseum erschienene Doppel-DVD enthält alle drei Fassungen von »Jahrgang 45«: Die 90-minütige Fassung von 1990 mit vollständiger Tonspur, die Fassung von 1990 mit der noch unvollständigen Tonspur von 1966 sowie die 75-minütige Zensurfassung von 1966.

Ergänzt wird dieses Hauptwerk durch Böttchers ebenfalls verbotenen Kurzdokumentarfilme »Barfuß und ohne Hut« (1964) und »Drei von vielen« (1961). Während Böttcher in »Barfuß« Jugendliche bei ihrem Urlaubs an der Ostsee mit der Kamera begleitet und sie über ihre Träume und Zukunftspläne erzählen lässt, porträtiert er in »Drei von vielen« drei Dresdner Arbeiter, die sich über einen Malkurs der Volkshochschule kennenlernten und Freunde wurden.

Dazu kommen ein Zeitzeugengespräch mit dem Regisseur und eine Dokumentation über den Maler und Filmemacher Jürgen Böttcher sowie ein 16-seitiges Booklet mit Essays zur Zensurgeschichte und den verschiedenen Fassungen von »Jahrgang 45«, aber auch mit Anmerkungen Böttchers zu seinem Film und einem Beitrag des Kameramanns Roland Gräf zur Zusammenarbeit mit Böttcher.

Trailer zu »Jahrgang 45"

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