Frieden

25.12.2016 Haimo L. Handl

Heute ist Christtag, der erste Weihnachtstag, und ich verabschiede mich mit diesem Text; ich beende meine Kolumnenserie «Das Wort zum Sonntag», worin ich seit 2004 wöchentlich mich äußerte zu Aspekten der Kultur und Bildung und Politik. Es ist weder Überdruss noch Langeweile oder dass ich meinte, nichts mehr zu sagen zu haben. Es ist vielleicht eine Art pessimistischer Resignation, ein Nachgeben der Erkenntnis gewisser Sinnlosigkeit. An wen soll ich mich Woche für Woche richten, ohne mich zu wiederholen oder in Lamenti zu verfallen in Widerspiegelung schlimmer Zeiten, die immer schlimmer werden? Warum versuchen, auf kurzem Raum zu reflektieren, sich zu besinnen und das in Worte zu fassen, da dies doch im Kern der Zeit und den Umtrieben der meisten entgegensteht?


Ich meinte Wolfgang Hildesheimer zu verstehen, bedauernd zwar, aber doch, als er beschloss, nicht mehr zu schreiben. Meine Überraschung war groß und ärgerlich, als ich in der jüngsten Ausgabe von SINN UND FORM seinen Entwurf «Die schwindende Zukunft» las, den er von der geplanten Publikation zurückgezogen, den er verworfen hatte. Die Fledderei wird in einer «Vorbemerkung» lapidar begründet: «Bleibt die Frage, inwieweit es zulässig ist, einen vom Autor verworfenen Text zu publizieren. (…) Wie sollte er heute, angesichts unserer actualitas und nach fast dreißig Jahren weiter geschwundener Zukunft in seiner Unbestechlichkeit NICHT zu dokumentieren sein?» So einfach macht sich das der Verwertungsapparat der Apparatschikgesellschaft.

Als ich mich kürzlich während eines Klinikaufenthaltes im Delirium durch eine extreme Unterzuckerung befand, lehrte mich diese neue Erfahrung bislang mir fremde Wahrnehmungen und Denkvorgänge. Es hatten sich die Raumkoordinaten verschoben und eine Schwere auf mich gelegt, die mir das Sprechen schier verunmöglichte. Ich versuchte Worte hervorzupressen, hörte sie von weit weg, mühsam gelallt, eingehüllt in ein gleichzeitiges Gefühl von Vergeblichkeit und Sinnlosigkeit, weil ich doch nicht sagen konnte, was ich wollte, weil es mir schon gesagt erschien, überflüssig zu wiederholen. Mir war wie in einem absurden Theaterstück. Warum spielen, warum sich abmühen?

Wir leben in friedlichen Zeiten. Die Medien widerspiegeln die Realitäten, und die sind weihnachtlich. Sogar der Terror, den einige Unverbesserliche ausüben, wird verkraftet und erschüttert nicht die Toleranz. Man lernte «mit ihm zu leben», was wohl heißt, mit und durch ihn zu sterben, aber die Verwertungsgesellschaft tauft das um, benennt nach ihrer Ideologie das Konstrukt anders. «Alle Menschen werden Brüder», als ob das vor dem Brudermord schütze. Was soll man da noch sagen? Wird nicht jedes positive Wort zur Kollaboration? «Was aber bleibt, stiften die Dichter.» Tatsächlich?

«Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.» Am Christtag wird das Johannesevangelium gelesen. Das Fleisch gewordene Wort ertönt. Jahraus, jahrein. Frieden. Wie nett und schicklich! Die Einübungen in die systematische Sinn- und Sprachentwertung funktionieren, weltweit. Was soll ich da noch sagen? Es ist doch schon gesagt.

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