Tangerine L.A.

19.01.2017 Walter Gasperi

Am Heiligen Abend spielt Sean Bakers mit iPhones gedrehter Spielfilm zwar, doch der irre Trip zweier Transgender-Prostituierten durch Los Angeles ist ein Anti-Weihnachtsfilm par excellence. Bei good!movies ist der durch seine Frische und Ehrlichkeit Verve entwickelnde Film auf DVD erschienen.


Soeben ist die Transe Sin-Dee-Rella (Kitana Kiki Rodriguez) aus dem Knast entlassen worden, da steckt ihr auch schon ihre beste Freundin Alexandra (Mya Taylor), dass sie ihr Freund und Zuhälter Chester (James Ransone), während ihrer Abwesenheit betrogen hat - und zwar mit einer echten Frau «mit Vagina und allem».

Das will sich die toughe Sin-Dee nicht bieten lassen und mischt bei ihrer Suche nach der Rivalin den Straßenstrich um den Santa Monica Boulevard und die Highland Avenue gehörig auf. An den Haaren packt sie die vermeintlich schuldige Dame, als sie sie findet, und schleppt sie durch die Stadt.

Daneben gibt es aber auch noch den armenisch stämmigen Taxifahrer Razmik (Karren Karagulian), der sich auch zu den Transen hingezogen fühlt, aber mit Frau, Kind und Schwiegermutter Weihnachten feiern soll. Als er mit der Begründung noch arbeiten zu müssen das Familienfest verlässt, folgt ihm bald seine Schwiegermutter.

In einem Doughnut-Shop laufen schließlich die Fäden zusammen, findet Sin-Dee-Rella mit ihrem Anhang Chester und erkennt durch seine Schilderung, dass die Dinge doch anders liegen. So kommt es auch zu einer Konfrontation mit ihrer Freundin Alexandra, aber auch Razmiks Doppelleben wird aufgedeckt. – Streit, Trauer und Einsamkeit statt Weihnachtsfriede brechen aus, doch am Ende erweist sich die Freundschaft doch als stärker.

Alles andere als gewöhnlich ist Sean Bakers «Tangerine L.A.». Nicht nur Schauplatz und Protagonisten fallen hier aus dem Rahmen, sondern auch die unbekümmerte Erzählweise. Hohe Authentizität und große Nähe erzeugt die Arbeit mit der iPhone-Kamera. Nichts wirkt hier gestellt, sondern ungeschminkt und ehrlich kommt dieser selbstverständlich an Originalschauplätzen auf der Straße und nicht im Studio gedrehte Film daher, ist rotzig, schmutzig, frech und immer wieder auch sehr komisch.

Dass dieser wilde Mix zwischen rauer realistischer Milieuschilderung und schriller Komödie mit einem iPhone gedreht wurde, sieht man ihm aber nicht an. Denn nicht amateurhaft oder billig wirken die Bilder, sondern große und kraftvolle Kinobilder von den Straßen von L.A. gelingen Baker hier immer wieder.

Eine seltene Frische entwickelt «Tangerine L.A.» aber nicht nur durch die Kameraarbeit und den abwechslungsreichen und rasanten Soundtrack, sondern auch durch die natürlich agierenden jungen Darsteller. Direkt am Hauptschauplatz des Films hat Baker auch seine Protagonistinnen Kitana Kiki Rodriguez und Alexandra Mya Taylor gefunden und ihre eigenen Geschichten sollen direkt in den Film eingeflossen sein. Hautnah folgt Baker ihnen durch diesen einen Tag, erzählt fast in Echtzeit, was den Drive des Films und die Nähe des Zuschauers zum Geschehen noch verstärkt.

Dass so ein Film nicht synchronisiert werden kann, versteht sich von selbst. Nur die englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln bietet folglich die bei good!movies erschienene DVD, die Extras beschränken sich auf Trailer zu weiteren Filmen dieses Labels.

Trailer zu «Tangerine L.A.»

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