Das Fürchten verlernen

17.12.2016 Bernhard Sandbichler

«Ich bin die mit der verrückten Mutter.» Angstneurosen, Panikattacken. Das ist die eine Seite. Kunst und Widerstand die andere. Miriam Stein schreibt über ihre eigenen und die Ängste ihrer Mutter.


  • Achse 1: Diagnose
    Schwanken, Festhalten, Gesicht verziehen. Dann kommen auch schon die Wesen, wie Geister aus Gruselbüchern … Ich würde alles opfern, um meine Mutter aus den Klauen der dunklen Wesen zu reißen. Die aber wollen nur sie. Im Bett schwitzt und zittert sie, schlottert vor Kälte, weint und schluchzt: «Ich - habe - so - furchtbare Angst!»
     
  • Achse 2: Prognose
    Am Anfang einer Panikattacke stehen zwar körperliche Symptome, entscheidend aber ist, mit welchen Gedanken der Patient darauf reagiert. Lässt er sich von seinem klopfenden Herzen, seinen Schweißausbrüchen beunruhigen, beschleunigt sich sein Herzschlag ebenfalls, und ein körperlicher Teufelskreis entsteht. Die Spirale der Angst dreht sich, der Patient fällt in bodenlose Angst. Jürgen Margrafs Therapie setzt an diesem Punkt an: Wenn der Patient vom Therapeuten überzeugt werden kann, dass die Symptome harmlos sind, dass ein Trigger im Kopf das Herzrasen auslöst, wird dieser Teufelskreis unterbrochen.
     
  • Achse 3: Entwicklung
    Die ausging, um das Fürchten zu (ver)lernen, wurde im Juli 1977 auf einer Straßenkreuzung in der südkoreanischen Stadt Daegu von einem Passanten gefunden und in ein katholisches Waisenhaus gebracht. Später ist sie zurückgekehrt und hat darüber berichtet.
     
  • Achse 4: Intelligenz
    «Mein Bruder und meine Schwester sind dreizehn und vierzehn Jahre alt, das scheint unendlich weit entfernt von uns zu sein. Sie beobachten uns mit der typischen Herablassung, mit der ältere Kinder jüngere ansehen. Sie vermitteln: Wir wissen etwas, das ihr nicht wisst, sagen es es euch aber nicht. In Wahrheit sind sie in unserer neuen Situation ebenso ratlos wie ich.»
     
  • Achse 5+6: Körper + Psyche
    «Blass und schmal ist sie geworden. Ihre Wangen sind eingefallen, die Haut grünlich, die blonden Haare hängen unfrisiert um den Kopf. Noch vor wenigen Monaten hat sie sich in einem eleganten, teuren Laden in der Stadt ein neues Kostüm gekauft, ein Jackett mit passendem Faltenrock aus karierter Wolle, ungewöhnlich chic für meine Mutter. Wenn sie es trug, sah sie aus wie eine feine Dame. Doch jetzt passt es ihr nicht mehr. In den vergangenen Wochen ist etwa ein Viertel von ihr einfach weggeschmolzen. Das Essen hat sie fast vollständig eingestellt. Wenn sie mich in den Arm nimmt, spüre ich weniger Mensch als zuvor (allerdings passiert das nicht häufig, zu viel physische Nähe erträgt sie sowieso nicht mehr).»
     
  • Achse 7: Alltag
    Der Gewinn, den die Entfesselung abwirft, wird nicht in konventionellen Münzen ausbezahlt. Im Wald leben, vom Müll profitieren, tun, was man will, sparen, alles hinter sich lassen, entrümpeln: Diese Art Minimalismus bringt ein Maximum an Zeit. Und sie hat auch gar nichts mit dem großen Geld zu tun, das Escape Rooms in letzter Zeit abschöpfen wollen.
     

Miriam Stein: Das Fürchten verlernen. 7 Mutproben, die alles verändern. Berlin: Suhrkamp 2016, 271 Seiten, EUR 15,40

Miriam Yung Min Stein: Berlin, Seoul, Berlin. Auf der Reise zu mir selbst. München: Krüger Verlag 2008, 256 Seiten (vergriffen)

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