Die letzten Glühwürmchen

05.01.2017 Walter Gasperi

Zwei Waisenkinder versuchen im Japan des zu Ende gehenden Zweiten Weltkriegs zu überleben. Doch es gibt keine Hoffnung. Isao Takahatas Animationsfilm ist einer der erschütterndsten Antikriegsfilme überhaupt. Bei Kazé ist das 1988 entstandene Meisterwerk auf Bluray erschienen.


Ein Teenager blickt direkt in die Kamera und erklärt: «Am 21. September 1945 bin ich gestorben». – Schon der erste Satz lässt keine Hoffnung aufkommen, macht klar, dass die folgenden 85 Minuten ein Weg in den Tod sein werden.

Zerlumpt stirbt dieser Seita neben anderen Obdachlosen in einer Bahnhofshalle, sein letzter Gedanke gilt seiner kleinen Schwester Setsuko. Die Bonbondose, die bei ihm gefunden wird, wird von einer Reinigungskraft in ein Feld geworfen. Mit den Bonbons, die herauskollern und aufsteigenden Glühwürmchen setzt in dieser Verfilmung von Akiyuki Nosakas 1967 erschienenen und teilweise autobiographischen Kurzgeschichte «Das Grab der Leuchtkäfer» eine Rückblende ein, in der die Geschichte des 14-jährigen Jungen und seiner vierjährigen Schwester erzählt wird.

Bei einem Luftangriff auf die Stadt Kobe verlieren die Geschwister ihre Mutter. Drastisch zeigt Isao Takahata die Schrecken des Krieges, wenn eine Feuersbrunst ausbricht oder die Mutter am ganzen Körper bandagiert im Lazarett liegt. Auf Briefe an den Vater, der bei der Kriegsmarine ist, erhält Seita keine Antwort, sodass die Kinder bei einer Tante Unterschlupf suchen müssen.

Dieser fallen sie aber bald zur Last, da die Nahrungsmittel knapp sind. Es kommt zu Konflikten, bis Seita mit Setsuko in eine Höhle zieht. Unbeschwert könnten sie hier leben, doch zunehmend schwächer wird Setsuko, weil es an Nahrung fehlt.

Ganz aus der Kinderperspektive erzählt Takahata von diesem hoffnungslosen Kampf ums Überleben. Durch den Gegensatz zwischen der unbeschwerten und die Vorgänge noch nicht begreifenden kleinen Setsuko und der realistischen Schilderung der Schrecken des Krieges mit Luftangriffen, Not und Hunger erzeugt er dabei größte emotionale Wirkung.

Immer wieder gibt es hier Momente der Magie und Poesie, wenn Seita für die kleine Schwester Glühwürmchen fängt, wenn sie ein Bad im Meer genießen oder am idyllischen Fluss vor ihrer Höhle herumtollen, doch immer wieder werden solche Szenen auch wieder abrupt durch die harte und hoffnungslose Realität beendet.

Hautnah lässt der Film durch sein Einfühlungsvermögen die Gefühle vor allem des kleinen Mädchens nachempfinden, trifft mitten ins Herz, das es einem hier zerreißen könnte, und erschüttert zutiefst mit seiner Anklage gegen den Krieg und das Leid, das er auch und gerade den Schwächsten und Unschuldigsten zufügt.

Keine Helden gibt es hier, keine Glorifizierung. Starke Wirkung ergibt sich auch aus dem Gegensatz zwischen dem Glauben der Menschen an den Sieg und den nationalistischen Parolen auf der einen Seite und den konkreten Folgen des Krieges für das Individuum.

Durch die Konzentration auf die Opferperspektive macht Takahata eindringlich bewusst, dass es bei einem Krieg letztlich nur Verlierer geben kann und alles unternommen werden muss, um eine Wiederholung solcher Ereignisse zu verhindern. – Zeitlos ist dieses Meisterwerk in seiner Botschaft und hat seit seiner Entstehung auch nichts an emotionaler Kraft eingebüßt

An Sprachversionen bietet die bei Kazé erschienene Bluray die japanische Originalfassung mit deutschen Untertiteln sowie die deutsche Synchronfassung. Die Extras umfassen ein Interview mit dem Regisseur, ein Making of sowie ein Gespräch mit dem Filmteam.

Trailer zu «Die lezten Glühwürmchen»

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