I, Daniel Blake

13.12.2016 Walter Gasperi

Am Schicksal eines einfachen Schreiners macht Ken Loach den bürokratischen Irrsinn der heutigen Arbeitsvermittlung sichtbar und beweist mit dem heurigen Gewinner der Goldenen Palme von Cannes erneut, dass er das Herz am richtigen Fleck hat.


Bevor man etwas sieht, wird man schon über die Tonebene Ohrenzeuge einer Befragung beim Arbeitsamt, bei der im Kern schon der Teufelskreis sichtbar wird, in den der 59-jährige Schreiner Daniel Blake (Dave Johns) durch einen Herzinfarkt geraten ist. Die Ärzte haben ihn zwar weiterhin krank geschrieben, doch die «Fachkraft für Gesundheit», die beim Arbeitsamt die Befragung durchführt, interessiert sich nicht für sein Herz, sondern nur für die Funktionstüchtigkeit seiner Arme und Beine. Auf seine Einwände und Rückfragen wird er zunehmend barsch zurückgewiesen und aufgefordert nur auf die Fragen zu antworten.

So wird das Attest der Ärzte vom Arbeitsamt ignoriert und Daniel Blake nicht krank, sondern arbeitslos geschrieben. Folglich muss er nachweisen, dass er sich um eine Arbeit bemüht, sollte er eine bekommen, darf er diese dann aber aufgrund des Attests des Arztes wieder nicht annehmen. Doch dafür muss er wieder mit Sanktionen der Behörde rechnen, gegen deren Bescheid er Einspruch erheben kann.

Dabei hängt er aber zunächst bei seinem Telefonanruf endlos - um exakt zu sein: eine Stunde und 48 Minuten - in der Warteschleife, um dann zu erfahren, dass er den Einspruch online einreichen muss. Damit aber hat Blake, der zwar ein sehr kompetenter Schreiner ist, aber sich mit dem Computer überhaupt nicht auskennt, größte Probleme.

Nur zermürben wollen die Behörden den Ansuchenden, stellt der junge afroamerikanische Nachbar fest und genau das scheint das Ziel zu sein. So lange wollen die Behörden die Menschen offensichtlich gängeln, bis sie es aufgeben, Anträge zu stellen.

Nur einen kleinen und kurzen moralischen Triumph erlaubt Loach diesem Mann mit seinem kranken, aber großen Herz, der nicht aufgibt und stets weiterkämpft, wenn er an der Fassade des Arbeitsamts seine Situation mit einer Aufschrift publik macht. Die Passanten applaudieren ihm, doch die Polizei wird ihn rasch abführen und ihm im Falle eines weiteren Vergehens eine Strafe androhen.

Der Filmtitel gibt die Erzählperspektive vor: Geradlinig, aber mit einer Fülle an präzise an der Realität abgeschauter Szenen erzählt Ken Loach. Erweitert wird das Bild durch die junge alleinerziehende Mutter Katie (Hayley Squires), der Daniel beim Arbeitsamt begegnet.

Engagiert setzt er sich für sie ein, kümmert sich immer wieder um deren zwei Kinder und führt in ihrer Wohnung Reparaturen durch. An dieser Katie zeigt Loach auch erschütternd, wie existentiell die Bedrohung ist, wenn sie bei der Essensausgabe vor lauter Hunger eine Dose aufreißt und isst oder wenn sie im Supermarkt klaut.

Und doch gibt es auch mitfühlende Menschen, wie Daniels ebenfalls am Rande der Gesellschaft stehender junger Nachbar, der Filialleiter eines Supermarkts oder eine Mitarbeiterin des Arbeitsamts. Letztere wird aber von ihrem Vorgesetzten für ihren Einsatz sogleich gerügt, da sie zu viel Zeit für Daniel investiere.

Nachvollziehbar ist die Kritik nach der Verleihung der Goldenen Palme an den Film des 80-jährigen Loach, dass hier äußerst konventionelles Kino ausgezeichnet worden sei – doch genau das will Loach machen. Auf jeden Schnörkel, jede Ausschmückung und auch auf Musik verzichtet der Brite – um nichts als den Menschen und die fast quasidokumentarische Schilderung der Situation auf den Behörden geht es hier.

Hier soll keine Kunstfertigkeit zur Schau gestellt werden, sondern die Unmenschlichkeit der heutigen neoliberalen Welt soll aufgedeckt werden. Die Demütigung und Reduktion des Menschen auf eine Nummer soll an einem Einzelschicksal plastisch vor Augen geführt werden. Bewusst machen will Loach, dass Leute wie sein Daniel Blake Respekt verdienen, denn unzweifelhaft ist, dass dieser Schreiner sein Leben lang ein rechtschaffener und brav arbeitender Bürger war und sich jahrelang um seine manisch-depressive Frau gekümmert hat.

Er hätte sich einen angenehmen Lebensabend mehr als verdient, doch nun verliert er sukzessive seinen Status. Möbel muss er verkaufen, bei der Essensausgabe anstehen, frierend mit Mantel in seiner Wohnung sitzen, weil er die Betriebskosten nicht mehr bezahlen kann.

In jeder Szene ist der von Dave Johns großartig gespielte Protagonist präsent. Gänzlich undramatisch und unaufgeregt erzählt Loach in dem auch in den Nebenrollen perfekt besetzten Sozialdrama ohne den kleinsten Durchhänger die zu Herzen gehende Geschichte.

Nüchtern protokolliert der Altmeister, entwickelt die Handlung dank des sorgfältig aufgebauten Drehbuchs von Paul Laverty mit großer Konsequenz und Stringenz und löst mit dem unbestechlichen und bestechend genauen Blick für die Realität und den Teufelskreis, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint, Erschütterung aus, die nachwirkt und zum Nachdenken anregt.

FKC Dornbirn im Cinema Dornbirn: Mi 14.12., 18 Uhr; Do 15.12., 19.30 Uhr
LeinwandLounge in der Remise Bludenz: Mi 14.12., 19 Uhr
Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: Do 15.12., 20 Uhr; Sa 17.12., 22 Uhr
Kino Madlen, Heerbrugg: Mo 2.1. 2017, 20.15 Uhr
Derzeit im Takino Schaan und im Kino Rex in St. Gallen

jeweils in engl. O.m.U.

Trailer zu «I, Daniel Blake»

weiterführende Links:

I, Daniel Blake

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.