Die Rächer

04.12.2016 Haimo L. Handl

1976 endete nach einer Dekade die große chinesische Kulturrevolution, die eine beispiellose Terrorwelle im breiten Instrumentarium des großen Vorsitzenden und Diktators Mao Zedong war. Der antiautoritäre Impetus, das ungestüme «Aufräumen», der gelenkte «Volkszorn» zeigten fatale Parallelen zu faschistischen Horden, vollzogen sich in gleichen inhumanen Bahnen. Heute lesen wir Studien zu diesem «Phänomen» und Versuche, dem mörderischen Unterfangen doch auch positive Seiten abzugewinnen.


In Europa steht heute keine Revolution, auch keiner kulturelle an, wiewohl die Unkultur der Minderbemittelten den Ton angibt. Aber das Lager der Unzufriedenen, derjenigen, die sich abreagieren, rächen wollen, nimmt zu. Sündenböcke gibt es zuhauf. „Wir sind das Volk“ wurde zum Schlachtruf von Rechtsextremen, Verlierern und Frustrierten. Einst ein Signal gegen Bonzen in einem diktatorischen Staat, ist der Ruf heute der Slogan rabiater Spießer, denen die Kraft für positive Arbeit fehlt, das Vermögen für den freien Blick. Die, umgekehrt, in rückwärtsgewandt an einfachsten Bildern „Zukunft“ suchen und zu finden meinen, obwohl die leidvolle Geschichte eindrücklich lehrt, dass mit Nationalismen, Chauvinismen und allem, was damit zusammenhängt, „kein Staat“ zu machen ist, keine nachhaltige Prosperität, sondern nur Zerstörung.

Aber auch vor 50 Jahren, als die Kulturrevolution losgetreten wurde, kümmerten sich die Aktivisten nicht um Reflexion und Denken, sondern ums Handeln, und zwar das „rechte“, angesagte. Das Land erlitt traumatische Schädigungen, die heute noch negative Auswirkungen haben. Und, bemerkenswerter Weise, ihr Ungeist wurde überhöht positiv gedeutet von weiten Kreisen im Westen, die unter dem Bann des Großen Vorsitzenden Alternativen suchten, die den Großmeister des Massenmordes als Heilsbringer sahen.

Heute fehlt das faschistische Gegenstück und die Anhänger von Le Pen, Wilders, Petry oder Strache müssen mit minderen Figuren als Leithammel (männl.) bzw. Leitschafen (weibl.) auskommen. Aber das mindert nicht ihr Gefahrenpotential. Die Politik des Ressentiments, des Gefühls, vermeintlich authentisch, weil unvernünftig, erstarkt. Im gleichen Maße reduziert sich das Blickfeld auf bekannte Feindbilder mit seinen „einfachen“ Lösungen. Wir scheinen historisch zurückgeworfen, als ob wir in einem perversen Wiederholungszwang eine alte Schmierentragödie abspielen.

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