Film zum Lesen: Empfehlungen zu aktueller Filmliteratur

12.12.2016 Walter Gasperi

Filmgeschichte, Porträts von Regisseuren, Sammlung von Artikeln – Ein Blick auf einige Filmtitel, deren Lektüre sich lohnt.


Acht Jahre nach dem ersten Band («New Hollywood bis Dogma 95»), der nun in aktualisierter Auflage vorliegt, ist im Schüren Verlag mit «Vom Neorealismus zu den Neuen Wellen» der zweite der von Herausgeber Thomas Christen auf drei Bände angelegten «Einführung in die Filmgeschichte» erschienen.

Mit über 500 Seiten ist es nicht nur physisch ein gewichtiges, sondern auch ein inhaltsreiches und überlegt gestaltetes Werk geworden, das den Anspruch, eine leicht lesbare Einführung für Studierende der Filmwissenschaften ebenso wie für neugierige Kinoliebhaber zu sein, voll und ganz erfüllt, aber auch in seiner Wissenschaftlichkeit überzeugt.

Gegliedert in die vier großen Abschnitte «Nach dem Krieg», «Neue Wellen in Westeuropa», «Hinter dem Eisernen Vorhang» und «Neues Kino außerhalb Europas» spannt Christen, der für die meisten Abschnitte selbst als Autor verantwortlich zeichnet, den Bogen vom Neorealismus über Nouvelle Vague und Junger Deutscher Film bis zum osteuropäischen Kino, dem brasilianischen Cinema Novo und der japanischen neuen Welle.

Nicht nur einleitend wird die ganze Epoche in den sozialhistorischen Kontext eingebettet, sondern in jedem Abschnitt wird zunächst der historische Hintergrund beleuchtet, werden unterschiedliche filmtheoretische Blicke auf die jeweilige Strömung dargestellt, aber auch auf technische Neuerungen und Gegenstrategien gegen den neuen Konkurrenten Fernsehen eingegangen.

Einzelne Regisseure treten hier zwar in den Hintergrund, dafür können durch die Fokussierung auf zentralen Strömungen deren Themen, stilistischen Merkmale und Entwicklungen plastisch herausgearbeitet werden. Bis der abschließende dritte Band dieser Filmgeschichte erscheint, wird man aber noch einige Jahre warten müssen.

Ganz den Fokus auf die unterschiedlichen filmischen Stile richtet Christoph Hesses, Oliver Kreutzers, Roman Mauers und Gregory Mohrs im Springer Verlag erschienene Buch «Filmstile». Wie Christens Filmgeschichte besticht auch diese als Lehrbuch angelegte Publikation durch die fundierte Aufarbeitung des Themas, überzeugt aber auch durch die leichte Lesbarkeit.

In kurzen Kapiteln werden prägnant Merkmale der unterschiedlichen Stile vom Deutschen Expressionismus über Nouvelle Vague und New Hollywood bis zum Blockbuster und der Berliner Schule vorgestellt. Ganz auf Europa und die USA beschränken sich die Autoren dabei freilich, gehen aber andererseits im Abschnitt Individualstile auch auf Regie-, Drehbuch-, Kamera- und Schauspielstile ein und stellen in einem weiteren Abschnitt auf unterschiedliche Ausprägungen des Realismus, der Fantastik oder des Minimalismus im Laufe der Filmgeschichte dar.

Als Ergänzung dazu empfiehlt sich der ebenfalls im Springer Verlag erschienene Band «Filmanalyse», der laut Verlag die Grundlagenterminologie zur Analyse filmischer Inszenierung vermittelt.

Schon 2015 ist im Bertz + Fischer Verlag «Drei Meister in Hollywood: Erich von Stroheim – William Wyler – Otto Preminger» erschienen. Enthalten sind darin in überarbeiteter Fassung die drei jeweils knapp 100-seitigen Essays, die der Filmwissenschaftler Norbert Grob in den 1990er Jahren anlässlich der Berlinale-Retrospektiven zu den drei Meisterregisseuren verfasste.

Wie weit diese Überarbeitung geht, lässt sich ohne Kenntnis der originalen Essays kaum beurteilen, Lesegenuss bieten sie aber auf jeden Fall. Souverän versteht es Grob nämlich Literatur in seine eigenen Überlegungen einzuarbeiten, präzise Szenen zu analysieren, Querverbindungen zwischen Leben und Werk herzustellen und dennoch großen Lesefluss zu entwickeln.

In einer Passage durch von Stroheims Filme arbeitet er dessen zentrale Themen, die Merkmale des ästhetischen Realismus dieses Meisters des Stummfilms heraus, während er im Abschnitt zu William Wyler zwischen die Filmanalysen immer wieder grundlegende Kapitel zur Arbeit des gebürtigen Elsässers einschiebt. Nach Genres sortiert stellt Grob schließlich das Werk Otto Premingers vor, arbeitet aber auch dessen innovativen Umgang mit Cinemascope, Ton und Farbe und das Verhältnis zwischen Individuum und Institutionen als das sich durch das Werk des 1986 verstorbenen Regisseurs ziehende zentrale Motiv heraus.

Wie «Drei Meister in Hollywood» zeichnet auch der ebenfalls bei Bertz + Fischer in der Reihe Deep Focus erschienene Band «Bruch der Weltenlinie» ein edles schwarzes Hardcover aus. Norbert Grob und Bernd Kiefer spannen darin in vier Kapitel einen Bogen vom filmischen Aufbruch der 1960er Jahre bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts.

In rund 40 drei- bis etwa zehnseitigen Texten zeichnen sie knappe Porträts von Regisseuren wie Nicholas Ray, Stanley Kubrick, Robert Bresson, Martin Scorsese, Clint Eastwood, André Techiné oder analysieren einzelne Filme von Bernardo Bertoluccis «Partner» über Michael Ciminos «The Deer Hunter» bis zu Fatih Akins «Kurz und schmerzlos». – Ein Buch, das man immer wieder zur Hand nehmen kann, um den einen oder anderen dieser brillanten Texte zu lesen.

Auf 44 Bände bringt es inzwischen schon die Reihe «Film-Konzepte», die seit rund zehn Jahren im Verlag edition text + kritik erscheint. Jeder Band umfasst rund 100 Seiten und enthält etwa ein halbes Dutzend Beiträge von unterschiedlichen Autoren.

Spannend macht diese Publikationen, die mit ihrem akademischen Touch allerdings nicht immer leicht zu lesen sind, dass sie immer einen speziellen Aspekt im Werk des jeweiligen Filmemachers unter die Lupe nehmen.

Die Bandbreite der vorgestellten Filmschaffenden reicht von Jean-Pierre und Luc Dardenne bis zu Caroline Link und vom Außenseiter Pedro Costa bis zu Leni Riefensthal. Aber nicht nur Regisseure werden hier vorgestellt, sondern es gibt auch Bände zum Kameramann Michael Ballhaus, zur Kostümbildnerin Milena Canonero und zum «Toy Story»-Erfinder John Lasseter.

Christen, Thomas (Hrsg.), Vom Neorealismus zu den Neuen Wellen. Filmische Erneuerungsbewegungen 1945-1968. Einführung in die Filmgeschichte (Bd. 2). Schüren Verlag, Marburg 2016, 520 S., € 38

Christen, Thomas; Blanchet, Robert (Hrsg.), Vom New Hollywood bis Dogma 95. Einführung in die Filmgeschichte (Bd. 3). Schüren Verlag, Marburg 2016, 520 S., € 38

Hesse, Christoph; Kreutzer, Olvier; Mauer, Roman; Mohr, Gregory, «Filmstile», Springer Verlag, Wiesbaden 2016, 444 S., 29,99 €

Grob, Norbert, Drei Meister in Hollywood: Erich von Stroheim – William Wyler – Otto Preminger. Deep Focus 21, Bertz + Fischer Verlag, Berlin 2015. 304 S., € 25

Grob, Norbert; Kiefer, Bernd, Bruch der Weltenlinie. Zum Kino der Moderne: Porträts - Essays - Hommagen. Deep Focus 24, Bertz + Fischer Verlag, Berlin 2016. 376 S., € 25

Reihe: Film-Konzepte, Verlag edition text + kritik

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