Cyankali

15.12.2016 Walter Gasperi

Zum Zensurfall wurde die 1930 gedrehte Verfilmung von Friedrich Wolfs Theaterstück über den Leidensweg einer jungen Frau, die sich aus Not zu einer gesetzlich verbotenen Abtreibung entschließt. absolut Medien präsentiert in einer DVD-Edition neben der emotional starken Erstverfilmung auch eine 1977 in der DDR entstandene Fernsehfassung.


Nur ein Jahr nach Erscheinen des Theaterstücks «Cynakali» wurde dieses schon verfilmt. Das Plädover für staatliche Hilfsmaßnahmen statt Kriminalisierung von Schwangerschaftsabbruch wurde zum Fall für die Zensur, zunächst verboten, nach Schnitten freigegeben und drei Jahre später von den Nationalsozialisten schließlich endgültig verboten. Die originale Kinofassung gilt als verschollen, das Filmmuseum Potsdam hat aber versucht in seiner Rekonstruktion des Films dieser möglichst nahe zu kommen.

Ausschnitte aus Zeitungsmeldungen und Inserts informieren über die weite Verbreitung des Schwangerschaftsabbruchs in Deutschland und die daraus resultierenden Folgen für die Frauen. An die 800.000 Abtreibungen soll es pro Jahr geben, weil diese im Geheimen und mit unprofessionellen Mitteln durchgeführt werden, teilweise dabei sogar Cyankali verabreicht wird, überleben die Frauen den Eingriff oft nicht.

Von der Darstellung der allgemeinen Situation wendet sich Regisseur Hans Tintner dem Einzelfall der jungen Berlinerin Hete Fent (Grete Mosheim) zu. Mit genauem Blick werden die sozialen Verhältnisse in einem Mietshaus realistisch und eindringlich eingefangen. Klar bezieht der Autor Friedrich Wolf, der Arzt und Kommunist war, für die Arbeiterschicht Stellung, zeigt die Not der kleinen Leute in den Zeiten der Weltwirtschaftskrise, prangert den Verwalter an, der hart die Zahlung der Miete einfordert.

Paul und Hete hoffen auf eine glückliche Zukunft, hat er doch noch einen Job. Er hofft sogar auf eine Lohnerhöhung, doch der Versuchung diese Forderung mit einem Streik durchzusetzen, führt zur Aussperrung der Arbeiter, sodass sich die soziale Lage des Paares dramatisch verschlechtert. Keine Zukunft sieht Hete für das Kind, das sie erwartet.

Der Arzt, den sie aufsucht, ermöglicht zwar einer reichen Dame eine Abtreibung, indem er ihr ein Lungenleiden attestiert, weist Hete aber mit Hinweis auf § 218 ab.

Die Stoßrichtung des Films ist klar, gleichzeitig ist «Cyankali» aber auch eine Abrechnung mit dem Bürgertum, ergreift Partei für die Unterschicht. Konsequent entwickeln Tintner/Wolf den Weg Hetes in eine immer aussichtslosere Situation. Die Abweisung des Arztes treibt sie zu einer Engelmacherin, die freilich wiederum für den Eingriff entsprechende Bezahlung fordert.

Ein seltsamer Zwitter zwischen Stummfilm und Tonfilm ist dies, denn von Anfang an wird zwar mit einer Geräuschkulisse gearbeitet, doch Dialog setzt erst im Finale ein, wenn Hete todkrank in der Wohnung ihrer Mutter liegt. Während die Exekutive sie wegen ihrer strafbaren Handlung verhaften will, prangert ihr Freund nochmals explizit das inhumane Gesetz an und plädiert für das Recht auf Geburtenregelung, ehe der Film mit Hetes verzweifeltem «Hilft uns denn niemand!» endet.

Die Bildqualität ist – angesichts des Alters des Films nicht allzu verwunderlich – nicht begeisternd, doch immer noch entwickelt dieses soziale Drama durch die Fokussierung auf der von Grete Mosheim eindringlich gespielten Hete und ihrer ausweglosen Lage große emotionale Kraft.

Die Extras umfassen eine 15-minütige DDR-Radiosendung zu Friedrich Wolf und der Wirkungsgeschichte seines Stücks «Cyankali», ein Booklet mit informativen Artikeln sowie einen CD-Rom-Teil mit pdfs zur Zensur und den Briefwechsel zwischen dem Autor Friedrich Wolf und dem Regisseur Hans Tintner.

Auf einer zweiten DVD bietet die bei absolut Medien erschienene Edition Jurij Kramers Verfilmung von Wolfs Stück für das Fernsehen der DDR im Jahre 1977, fünf Jahre nach der Einführung der Fristenregelung. Gerade der Vergleich der beiden Filme macht die Stärken von Tintners Film sichtbar. Denn im Gegensatz zu dessen realistischen Schilderung der Not der Arbeiterschicht wirkt Kramers Fassung steril. Behauptung bleibt hier die Einbettung in ein soziales Milieu, theaterhaft bleiben die Schauplätze, verhindern jedes Aufkommen von Atmosphäre, sodass der Fokus ganz auf dem Text und den Schauspielern liegt.

An Extras gibt es zu diesem Fernsehfilm eine einstündige Diskussion über Wolfs Stück sowie in einem CD-Rom-Teil pdfs unter anderem zur Produktion des Fernsehfilms sowie ein Interview mit Jurij Kramer.

Trailer zu «Cyankali»

  • Cyankali (1930)
  • Cyankali (1930)
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  • Cyankali (1977)
  • Cyankali (1977)

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