Sully

06.12.2016 Walter Gasperi

Als «Das Wunder von Hudson» gilt die Notwasserung des Flugs US-Airways 1549, bei dem am 15. Januar 2009 alle der 15o Passagiere und fünf Besatzungsmitglieder des Airbus A320 nahezu unverletzt überlebten. Clint Eastwood zeichnet die Ereignisse nach und das Porträt des Piloten Chesley Sullenberg, der sich nicht als Held sieht, sondern nur als Mann, der seinen Job gemacht hat.


Schon der Titel «Sully» schafft Nähe zum Protagonisten, macht ihn durch den Spitznamen nicht zum abgehobenen Helden, sondern zum geschätzten Nachbarn oder Freund. Hautnah folgt ihm die Kamera von Tom Stern, ganz auf ihn konzentriert sich Clint Eastwood er auch zunehmend die Selbstzweifel sichtbar, als die Ereignisse von der National Transportation Safety Board untersucht werden: Hätte er vielleicht doch noch einen Flughafen erreichen können? Hat er mit seiner Aktion das Leben von Passagieren und Crew gefährdet?

Großartig spielt Tom Hanks mit schlohweißem Haar den erfahrenen Piloten, der nach 40 Jahren Berufserfahrung nur nach den 208 Sekunden zwischen dem Vogeleinschlag, der zum Ausfall beider Triebwerke führte, und der Notwasserung beurteilt wird. Die Medien reissen sich um ihn, auf allen Kanälen wird über das Ereignis berichtet, doch ihm ist dieses Interesse nur lästig, er sieht sich nicht als Held, sondern als Mann, der seinen Job gemacht hat.

Die große Kunst von Eastwood ist es, die Spannung von der ersten bis zur letzten Minute hochzuhalten, obwohl der Ausgang der Ereignisse bekannt ist. Äußerst klug hat er dazu seinen Film aufgebaut, zieht den Zuschauer mit einer traumatischen Erinnerung Sullys an den Flug sofort mitten ins Geschehen hinein, schwört ihn auf den Protagonisten ein. Mit wunderbar reduziertem, aber punktgenauem Musikeinsatz akzentuiert und intensiviert er wenige zentrale Momente und leichthändig baut er das vielschichtige Spannungsfeld auf, in dem sich Sully befindet.

Da gibt es einerseits zu Hause die Sorge der Frau, auf der anderen Seite das mediale Interesse, des Weiteren die einfache New Yorker Bevölkerung, der immer noch der Schock von 9/11 in den Knochen sitzt und froh ist endlich wieder einmal einen Helden zu haben. Im Zentrum des Films steht aber die Untersuchung durch die National Transportation Safety Board, die mit Computersimulationen scheinbar nachweisen kann, dass Sully durchaus noch einen Flughafen hätte erreichen können.

Im Kampf des Einzelnen gegen die Bürokratie – oder auch das Establishment – könnte man «Sully» durchaus auch als passenden Film zur Donald Trumps sehen, doch Eastwood polemisiert nicht. Nüchtern und sachlich stellt er seinem Protagonisten, den er zwar nicht als übergroßen Helden aufbaut, aber doch als Menschen ohne Makel zeichnet, die Bürokraten gegenüber, die bei der Prüfung des Falls nur die technischen Daten berücksichtigen, den Faktor Mensch aber außer Acht lassen.

Dramaturgisch souverän entwickelt Eastwood den Film auf die entscheidende Anhörung hin, streut wenige Rückblenden ein, die Einblick in die berufliche Laufbahn und fliegerischen Fähigkeiten Sullys bieten. Immer wieder brechen Alpträume, in denen der Flug so endet, dass sich unweigerlich Erinnerungen an 9/11 einstellen, auf ihn und seinen Co-Pilot Jeffrey Skiles (Aaron Eckhart) herein, ehe der tatsächliche Verlauf der Ereignisse nachgezeichnet wird.

Mehrfach wird diese Szene schließlich wiederholt, dass dennoch und trotz des bekannten Ausgangs die Spannung hoch bleibt, unterstreicht die Meisterschaft des 86-jährigen Regisseurs. Eindrücklich vermittelt der Altmeister in diesen Szenen einerseits die Wucht des Aufpralls auf dem Fluss, feiert aber andererseits und vor allem die Meisterleistung des Piloten. – Zutiefst amerikanisch und Eastwood pur ist «Sully» in dieser Feier des überlegt und autonom entscheidenden Individuums, aber für einmal erfreulicherweise keine nationalistische Feier Amerikas und seiner Tugenden.

Läuft derzeit in den Kinos

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