Die neue Zärtlichkeit des Tangos

30.11.2016 Rosemarie Schmitt

Gehören auch Sie zu jenen, die es lieben Tango zu tanzen? Diesen Machtkampf der Geschlechter auf dem Parkett, dieses beherrschende, ans Brutale grenzende, beinahe gewaltsame Schieben des Partners über die Tanzfläche? Also, ich möchte das nicht!


ch mag den Tango-Rhythmus - sehr sogar, ich mochte ihn schon immer. Was hingegen mir noch nie gefiel, ist die Darstellung vieler professioneller Tangotänzer. Dabei ist Tanzen eine so wunderbare Sache. Sich als Paar «taktvoll» gemeinsam, freundlich, sanft und höflich, durchaus auch mal erotisch (wie bei vielen lateinamerikanischen Tänzen) auf dem Parkett zu bewegen. Aber doch nicht beim Tango! Oder etwa doch?

Gehören auch Sie zum «Club des gewaltfreien Tangos»? Dann kennen Sie vermutlich das «Raúl Jaurena Trio». Raúl Jaurena zählt, und das behaupte ich ohne jeglichen Anflug von Übertreibung, zu den weltbesten Bandoneonspielern. Ich liebe das Bandoneon, das wohl typischste aller Tangoinstrumente. Ich liebe sein Klappern und Schnaufen, keineswegs jedoch das der Tänzer. Im Sommer dieses Jahres feierte Jaurena seinen 75. Geburtstag, doch vom Klappern und Schnaufen ist er selbst noch weit entfernt.

Vor nahezu 20 Jahren besuchte der junge, zu jener Zeit in New York studierende deutsche Musiker Veit Hübner ein Konzert von Raúl Jaurena. Begeistert von dessen Spiel, lud er Jaurena kurzerhand (was übrigens nicht stimmt, denn Veit ist ein hervorragender, geschickter Bassist und seine Hände durchaus von normaler Größe) zu einer gemeinsamen Produktion von Veits damaligem Quartett «Tango Five» ein. Das war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft! Wunderbar auch für viele Tangoliebhaber.

Seither haben sich Veit und seine Musiker auch mathematisch weiterentwickelt. Hieß das damalige Quartett (!) noch «Tango Five», so nannten die Musiker ihr heutiges Trio das «Raúl Jaurena Trio». Und dies besteht in der Tat und korrekterweise aus genau 3 Musikern! Das sind Raúl Jaurena (Bandoneon), Veit Hübner (Bass) und Bobbi Fischer (Piano). Bobbis «echter» Vorname lautet Karl Albrecht, doch da dieser eher an den Namen eines Musikers aus dem vergangenen Jahrhundert erinnert, entschied sich Fischer wohl für eine Namensänderung. Bobbi studierte, wie auch Veit, in Stuttgart und Karlsruhe. Der eine Jazz, Popular- und Filmmusik, der andere Orchestermusik und Jazz.

Und gründete ich eines Tages tatsächlich den «Club des gewaltfreien Tangos», so böte ich den Musikern des «Raúl Jaurena Trios» ganz gewiß eine Ehrenmitgliedschaft an. Freundschaftlicher als diese drei kann man mit dem Tango einfach nicht umgehen. Kennen Sie den «Tango de Salón»? Diese Stilrichtung des Tangos zeichnet sich sowohl durch die entschleunigte Geschwindigkeit der Musik als auch durch die behutsame Eleganz der Tänzer aus. Eine für mich durchaus gesellschaftsfähige Form des Tangotanzes, im Vergleich zu dem professionell brutalen Bühnentango. Nun, so ähnlich behutsam geht das Raúl Jaurena Trio mit dem Tango um.

Endlich (das kann man sagen nach 5 Jahren!) veröffentlichte das Trio nun das zweite Album! Nach «Tango Friends» erschien in diesem Jahr bei GLM «Tango Mundo»!

Das «Raúl Jaurena Trio» liebt ganz offensichtlich und hörbar, so wie ich, dieses ganz bestimmte Tangofeeling und trifft den Nerv des Tangos. Viele Interpreten treffen ihn, nicht, diesen Nerv des Tangos, sondern vielmehr den meinen, was sich dadurch äußert, daß so ein «gewaltig» unharmonischer, hektischer Tango zunächst meinen Nerv schmerzlich trifft, um ihn mir anschließend zu rauben.

Wirklich überrascht bin ich nicht, ob der Genialität dieser 19 (!) Titel des neuen Albums, die allesamt von Jaurena arrangiert, und auch einige davon komponiert wurden. Nicht nur von ihm, der übrigens in Chile mit Astor Piazzolla in einer Wohngemeinschaft lebte, sondern auch von Veit Hübner und K.A.B. Fischer sind Kompositionen mit an Bord. Eingereiht zwischen Piazzollas «Fracanapa» und dessen «Oblivion» findet sich ein ganz besonderes Sahnestückchen: «Missing Romy», eine Komposition von Veit Hübner! Es ist der längste, und für mich einer der schönsten Titel des Albums. Ein etwas mehr als 9 Minuten andauernder Genuss.

Diese CD «Tango Mundo» könnte ebenso gut «Feeling the Tango» heißen. Wäre es ein Buch, so lautete ein passender Titel «Die neue Zärtlichkeit des Tangos» und gäbe es den «Club des gewaltfreien Tangos», dann hieße ich Sie dort herzlich willkommen!

Herzlich,
Rosemarie Schmitt

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