Arrival

29.11.2016 Walter Gasperi

An zwölf Orten der Erde landen Ufos – und schon marschiert die Armee auf. Aber auch eine Sprachwissenschaftlerin und ein Physiker werden zugezogen, die Kontakt mit den Außerirdischen aufnehmen sollen. – Mit großem Ernst und ungemein konzentriert erzählt Denis Villeneuve in seinem meisterhaften Science-Fiction-Drama von den Schwierigkeiten der Kommunikation, die den Menschen schließlich auf sich selbst zurückwirft und über die eigenen Denk- und Wahrnehmungsmuster nachdenken lässt.


Begleitet von elegischer Musik von Jóhann Jóhannsson schwenkt die Kamera von einer Zimmerdecke herunter zu einer Fensterfront, durch die sich der Blick auf einen See öffnet. Schon setzt das Voice-over der Sprachwissenschaftlerin Louise Banks (Amy Adams) ein und man sieht ihre frisch geborene Tochter, die nach einem Schnitt schon ein Mädchen ist – und nach einem weiteren Schnitt an Krebs stirbt.

Meisterhaft ist dieser Prolog in seiner Knappheit, in der ruhigen und konzentrierten Erzählweise, die perfekt auf die Unaufgeregtheit, die Nüchternheit und den Ernst dieser Verfilmung von Ted Chiangs Kurzgeschichte «Story of Your Life» einstimmen und den Zuschauer von der ersten Einstellung an packen und in diesen Film hineinziehen.

Ganz linear scheint Denis Villeneuve zu erzählen, wenn Louise ihre Vorlesung abbrechen muss, weil auf allen Kanälen von außerirdischen Raumschiffen berichtet wird, die über die ganze Erde verteilt an zwölf Orten gelandet sind. Bald kontaktiert die US-Armee die Linguistin. Sie soll mit den Außerirdischen, die sich in einem monumentalen muschelförmigen Raumschiff befinden, das in Montana nur wenige Meter über der Erde schwebt, zusammen mit einem Physiker (Jeremy Renner) Kontakt aufnehmen.

Auf jedes Spektakel verzichtet Villeneuve. Er braucht keine großen Feuergefechte oder sentimentale private Schicksale, sondern konzentriert sich ganz auf die schwierige Kontaktaufnahme mit den aufgrund ihrer sieben Beine Heptopoden genannten Wesen.

Wie keine großen Special-Effects nötig sind, so kommt der Franko-Kanadier auch bei den Charakteren weitgehend mit Louise, ihrem Kollegen und einem Offizier (Forest Whitaker) aus, verzichtet auf Ortswechsel, bringt aber die Vorgänge in der restlichen Welt, in der Panik ausbricht und zu Massenselbstmorden und Plünderungen kommt, über die Nachrichten ins Camp in Montana. Große Dichte entwickelt «Arrival» durch diese Engführung der Geschichte.

So majestätisch das über Montana schwebende Raumschiff ist, so bildgewaltig und bildschön ist der mit Ausnahme der Erinnerungen an die Tochter konsequent in dunkle Blau-, Grau- und Grüntöne getauchte Film auch im Kontakt mit den Außerirdischen. So wenig Action es hier auch gibt, so spannend ist – nicht zuletzt dank des großartigen Sounddesigns von Jóhann Jóhannsson - «Arrival» dennoch und lehrt den Zuschauer in seiner Bildkraft den Zuschauer wie nur wenige Filme der letzten Zeit wieder einmal das Staunen.

Packend wirft Villeneuve durch die konzentrierte, auf alle Schnörkel und Mätzchen verzichtende Inszenierung die grundsätzliche Frage auf, wie man auf das Unglaubliche reagieren kann und soll. Gleichzeitig schafft er dabei mit im Grunde einfachen Mitteln starke filmische Momente, wenn er die Außerirdischen mit schwarzer Tinte kreisförmige Zeichen in die Luft zeichnen lässt.

Als zentrales Motiv wird sich das Kreisförmige vom Ende her entpuppen. Nicht nur in der Schrift, sondern auch im Namen von Louise Tochter Hannah, der ein Palindrom darstellt, wird damit gespielt, aber auch der Titel «Arrival» wird eine doppelte Bedeutung erhalten. Mit Fortdauer des Films wird nämlich immer klarer, dass Villeneuve eben auch hier nicht so linear erzählt, wie es zunächst schien, sondern vielmehr wie in «Incendies – Die Frau, die singt» oder «Enemy» höchst kunstvoll Zeitschlaufen aufbaut.

Statt Action zu bieten wird hier kommuniziert – oder vielmehr versucht zu kommunizieren. Intelligent und packend wirft der das Gehirn des Zuschauers durchaus fordernde Film in der Konfrontation mit den Außerirdischen Fragen nach den Grundlagen der Kommunikation, ihren Schwierigkeiten und Grenzen auf. Weniger als die Außerirdischen stellen dabei aber bald die irdischen Großmächte eine Gefahr dar, weil die Kommunikation zwischen ihnen nicht funktioniert, man lieber auf Waffen setzen und Stärke demonstrieren will.

Gleichzeitig fragt Villeneuve aber auch auf der Grundlage der Sapir-Whorf-Hypothese nach dem Zusammenhang von Denken und Sprache und lässt Louise im Vordringen zur Zeichensprache der Außerirdischen ganz neue Möglichkeiten des Denkens und der Wahrnehmung entdecken. Dass solche Fragen nicht nur diskutiert werden, sondern auch in die Erzählstruktur des Films einfließen, ist eine weitere große Qualität und macht «Arrival» zu einem auch formal aufregenden Film.

Ganz im Hier und Jetzt spielt dieses Science-Fiction-Drama und steht innerhalb des Genres am ehesten in der Nachfolge von Robert Wises «The Day the Earth Stood Still» (1951). Wie dabei der Zuschauer anhand konkreten und perfekt erzählten Geschichte gezwungen wird, sich von festen Vorstellungen zu lösen und andere Denkformen und Strukturen in Betracht zu ziehen, ist schon ziemlich großartig.

Gleichzeitig wirft Villeneuve den Menschen damit schließlich auf sich selbst zurück, plädiert einerseits für ein Miteinander der Nationen anstelle eines ständigen Konkurrenzdenkens und andererseits für das Leben im Augenblick. Denn einzig der Augenblick zählt, wenn nicht nur die Sprache nicht linear strukturiert ist, sondern auch die Zeit nicht mehr linear wahrgenommen wird, sondern Vergangenheit und Zukunft verschwimmen und mit der Gegenwart zusammenfallen.

Läuft derzeit im Cineplexx Hohenems

Trailer zu «Arrival»

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