Hat Trump geblufft?

21.11.2016 Kurt Bracharz

Es ist gut möglich, dass Donald John Trump nicht damit gerechnet hat, tatsächlich Präsident zu werden, und vom Wahlausgang ebenso überrascht wurde wie seine Gegner. Sein Erstaunen darüber, dass er jetzt 4000 Posten in der Administration neu mit eigenen Leuten besetzen muss, weist in diese Richtung. Frühere Kandidaten hatten immer schon komplette Listen für den Fall ihrer Wahl bereit, der politisch völlig unerfahrene Trump hat offenbar nicht gewusst, dass ein solcher Wechsel obligatorisch ist.


Das würde auch seine Angebereien und Ausfälligkeiten während des Wahlkampfs in einem anderen Licht erscheinen lassen: Falls er insgeheim annahm, eh nicht zu siegen, vergnügte er sich damit, auszuprobieren, wie weit er gehen konnte. Vielleicht war alles nur ein großer Bluff des Ex-Casinobetreibers, der ja schon immer seine auf ererbten Millionen beruhende Karriere als Immobilienmogul im Stil eines pokernden Schlangenölverkäufers vorangetrieben hat, und er nun hat mit einer extrem schwachen, aber gut gespielten Hand (and a little help from his Russian friends) den höchsten Pot gewonnen. Allerdings muss er in der nächsten Zeit doch seine Karten aufdecken, und aller Wahrscheinlichkeit nach wird er nicht einmal das niedrigste Paar haben, und alle werden es bemerken.

Das eigentliche Problem ist nicht der großmäulige, aber bauernschlaue Trump, der sich als Pop-Version des König Ubu inszenieren und alle Vorteile des Amtes genießen wird, ohne tatsächlich zu regieren, sondern die Personen, denen er die Regierungsgeschäfte anvertraut. Es war sogar schon von Sarah Palin die Rede, deren Nennung aber offenbar nur ein Versuchsballon war. Der Ex-General Mike Flynn, der 2014 von Obama geschasste Leiter des Militärgeheimdienstes, der seither für Erdogan (!) und Putin (!!) arbeitet, wird Trumps Nationaler Sicherheitsberater (da fragt man sich dann doch mit Greil Marcus, ob Trump nicht ein russischer Agent ist).

Der frühere Bundesstaatsanwalt Jeff Sessions konnte 1986 wegen rassistischer Äußerungen nicht Bundesrichter geworden und wird gerne mit seinem Spruch zitiert, er habe den Ku-Klux-Klan gut gefunden, bis er erfahren habe, dass dort Marihuana geraucht würde. Diesen Mann will Trump, der sich im Wahlkampf auch nicht gegen die Wahlempfehlung des KKK ausgesprochen hat, zum Justizminister machen. Da versteht man noch besser, warum Trump den Anwalt und Abgeordneten für Kansas Mike Pompeo als CIA-Chef haben will, der sich für das Waterboarding von Verdächtigen ausgesprochen hat.

Trumps Vizepräsident Mike Pence ist ein Gegner der Evolutionstheorie, und Trump hat bereits angekündigt, dass in Zukunft Eltern und Schulen entscheiden werden, worin die Kinder unterrichtet werden, und dass naturwissenschaftliche Fächer nicht Pflicht sein werden. Man fragt sich, ob es nur auf Intelligent Design hinauslaufen wird oder doch gleich auf die Erschaffung die Welt in sechs Tagen. Trumps allgemeine Einstellung zur Wissenschaft kennt man ja schon: Der Klimawandel ist eine Erfindung der Chinesen, die NASA ist eine «Logistikagentur für Erdumrundungen» (und soll deshalb durch private, kommerzielle Raumfahrt ersetzt werden) und Atomkraft ist die Energiequelle der Zukunft (der 70jährige Trump ist mit Disneys Propagandastreifen von 1957 «Unser Freund, das Atom» aufgewachsen).

Das Recht auf Abtreibung könnte vom Supreme Court gekippt werden, wenn sich die Nachbesetzungen häufen: Antonin Scalia ist im Februar gestorben und Obamas Nachbesetzungskandidat verhindert worden, und drei weitere Richter sind 78, 83 und 80 Jahre alt und werden also möglicherweise in Trumps Amtszeit sterben, worauf der Supreme Court mit Trump-Leuten vollends reaktionär würde.
Überflüssig zu sagen, dass die Waffengesetze bleiben, wie sie sind.


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