Paterson

22.11.2016 Walter Gasperi

Eine Woche im Leben eines Busfahrers in Paterson, New Jersey. – Alltäglicher und ereignisloser könnte ein Film kaum sein, und doch ist Jim Jarmuschs zwölfter Spielfilm unglaublich reich an kleinen Geschichten und eine großartige Liebeserklärung ans Leben und die Kunst – und natürlich an Paterson.


Mit einem Top-Shot auf ein schlafendes Paar beginnt der neue Spielfilm von Jim Jarmusch. Mit leichter Variation wird sich diese Einstellung an jedem der kommenden Tage wiederholen, bis «Paterson» nach knapp 120 Minuten wieder mit dieser Einstellung enden wird.

Mit Inserts zu den Wochentagen von Montag bis zum nächsten Montag gliedert Jarmusch den Film und jeder Tag läuft fast gleich ab. Ohne Wecker wird der Busfahrer, der wie die Stadt in New Jersey, in der er wohnt und in der er seinem Beruf nachgeht, Paterson heißt, um 6 Uhr 12 erwachen, aber dann auch einmal um 6 Uhr 30. Wird er an den ersten Tagen vor seiner Frau Laura aufwachen, so wird sie gegen Wochenende, wenn er aufsteht, schon in der Küche stehen.

Wiederholung und Variation, das ist eines der Stilprinzipien, aus denen dieser wunderbar entspannte und sanfte Film seinen Reiz bezieht und mit denen er die Augen des Zuschauers schärft. Jeden Tag wird Paterson das gleiche Müsli essen. Er wird zu seinem Arbeitsplatz gehen, mit dem Bus 23 immer die gleiche Route abfahren, nach der Arbeit nach Hause gehen und mit seiner Frau über den Tag sprechen. Nolens volens wird er am Abend mit der englischen Bulldogge Marvin, die er so wenig ausstehen kann wie sie ihn, Gassi gehen und unterwegs in der Stammkneipe ein Bier trinken, um dann schlafen zu gehen.

Gemessen am Maßstab dessen, was man sonst im Kino sieht, passiert hier absolut nichts. Leergefegt von jeder dramatischen Handlung wirkt «Paterson» geradezu – und ist doch überreich an Details. Jeden Tag wird Paterson zwar bei der Heimkehr den Briefkasten prüfen und den schiefen Pfosten mit dem Fuß in den Boden treten und die Arbeitszeit wird mit den im Zeitraffer dahinfliegenden Zeiger seiner Armbanduhr rasch verstreichen, doch jeden Tag kennzeichnen auch kleine Veränderungen.

Denn verschieden sind die Leute, denen Paterson im Bus bei ihren Gesprächen zuhört, von jeweils anderen Sorgen erzählt ihm sein Kollege bei der Arbeitsübergabe, unterschiedliche Gespräche und Situationen ergeben sich in der Kneipe und seine vor Energie sprühende Frau kommt auch täglich mit neuen Ideen.

Mal träumt sie von einem Cup-Cake Shop, dann bestellt sie eine Gitarre, weil sie Country-Sängerin werden will. Konstante ist freilich ihre Begeisterung für schwarz-weiße Muster. Diese bestimmen das ganze Vorstadthäuschen von der Kaffeetasse über Teppiche und Vorhänge bis zu ihren Kleidern und den Cup Cakes, die sie für den Wochenmarkt bäckt.

Ein wunderbares Paar sind diese impulsive, von Golshifteh Farahani gespielte Laura und der bescheidene Busfahrer, den Adam Driver mit größter Zurückhaltung verkörpert. Kein Smartphone braucht dieser Mann und kein Tablet, ein Höhepunkt der Freizeitgestaltung ist für das Paar, wenn es am Wochenende ins Kino geht. Doch nicht einen aktuellen Blockbuster schauen sie an, sondern den 1932 gedrehten Schwarzweißfilm «Island of the Lost Souls».

Gegensätzliche Charaktere sind Paterson und Laura zwar, doch man spürt auch ohne großen Liebesszenen im zärtlichen und sanften Umgang miteinander, wie sehr sie sich lieben und sich gegenseitig unterstützen. Immer wieder fordert sie Paterson auf, dass er doch die Alltagsgedichte, die er während der Arbeitspausen oder im Keller ihres Hauses in ein Notizbuch schreibt, doch zumindest einmal kopiert, damit sie auf jeden Fall erhalten bleiben.

Und diese Dichtkunst ist eine weitere und ganz entscheidende Ebene in «Paterson», denn offen bleibt ob Paterson ein Busfahrer ist, der dichtet, oder ein Dichter, der Bus fährt. Immer wieder sieht man ihn nicht nur beim Dichten, wobei die Gedichte auch als - selbstverständlich in Schreibschrift gehaltene - Inserts eingeblendet werden, sondern immer wieder wird auch über Dichtung diskutiert.

Vor allem um William Carlos Williams der beinahe sein ganzes Leben in seiner Heimatstadt Rutherford, New Jersey verbrachte und dort auch als Arzt praktizierte, und dessen fünfbändigen Gedichtband «Paterson» geht es immer wieder. In seiner Tradition steht die Alltagsdichtung von Paterson und der Film ist auch eine Hommage an diesen Dichter, mit dem den Busfahrer auch die Verbundenheit mit der Heimatstadt und die poetische Ader hinter dem profanen Beruf verbinden.

Bei weitem nicht die einzige Doppelung in diesem fein gesponnenen Film ist das freilich. Mehrfach begegnet Paterson nämlich Zwillingen und seine Frau erzählt ihm, dass sie von der Geburt von Zwillingen geträumt habe. Aber auch in der leichten Variation spielt Jarmusch damit.

Eine Ode an das Alltägliche und das Glück im Kleinen ist dieser Film, dessen meisterhaft feinfühlige Machart sich auch im unaufdringlichen, aber wunderbar sphärischen Soundtrack von Sqürl zeigt. So bescheiden wie Paterson, in dem man das Alter Ego von Jarmusch sehen kann, ist diese unaufgeregte Perle. Niemandem muss die 63-jährige Indie-Ikone mehr etwas beweisen, braucht keine große Geschichte, sondern zaubert aus dem Banalen, das schließlich das Leben ausmacht, einen wunderbaren Film.

Und neben der Ode an das Leben und die Kunst ist dies freilich auch eine Liebeserklärung an die Stadt Paterson. Da ruft in der Kneipe eine Tafel mit bedeutenden Personen, die eine Beziehung zu dieser Stadt hatten von Allan Ginsberg bis Lou Castello, die Geschichte von Paterson in Erinnerung und ganz selbstverständlich wird die Handlung durch Frederick Elmes großartige Kameraarbeit in diesem geographisch-sozialen Raum verankert.

Nicht fehlen darf dabei freilich auch die Hauptattraktion von Paterson: der sich mitten in der Stadt ergießende Wasserfall des Passaic River. Mit ihm kommt freilich auch wieder das Thema der verrinnenden Zeit, das sich von der Armbanduhr Patersons über die Zeitrafferszenen des Tagesablaufs bis zu tickenden Uhren auf der Tonspur durch den Film zieht, ins Spiel.

Läuft derzeit im Cinema Dornbirn (Deutsche Fassung)
Spielboden Dornbirn: 2.12. + 9.12. - jeweils 19.30 Uhr (O.m.U.)
Remise Bludenz: 25.1. 2017, 19 Uhr (O.m.U.)

Trailer zu «Paterson»

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