Großer Bahnhof für ganz großes Klang-Kino

16.11.2016 Rosemarie Schmitt

Es ist ganz und gar nicht so, dass ich Evelyn Huber von Anfang an mochte. Nicht sie, jene blonde «Engelin» und auch nicht ihre Harfe. Wie können DIE sich einbilden, den großartigen, charismatischen, virtuosen Ausnahme-Gitarristen Robert Wolf durch diese Frau ersetzen zu können?! Und dann noch mit einer Harfe!


DIE, das sind die Musiker des Ensembles Quadro Nuevo, das Robert Wolf und der Saxofonist Mulo Francel 1996 gründeten. 1999 erlebte ich diese Musiker live in der Güterhalle des alten Bahnhofs in Bernkastel-Kues. Diese Halle scheint prädestiniert für sehr besondere Ereignisse meines Lebens, aber das ist eine andere Sache.

Mehr als 1500 Konzerte spielte Wolf weltweit und gemeinsam mit Quadro Nuevo! Und dann diese Sch ...: Es war am 30. November 2008. Robert Wolf war mit dem Tour-Bus unterwegs zu einem Konzert nach Augsburg ... «Kilometer 44,4 – 16.04 Uhr», sagte Wolf immer wieder, als er nach dem Unfall wieder sprechen konnte. Bis zu seinem Tod im vergangenen Jahr war er an ein Bett oder einen Rollstuhl gefesselt. Sein sehnlichster Wunsch, wieder Gitarre spielen zu können, erfüllte sich nicht.

Sicherlich wird er in jenem Himmel sein, so wie ihn sich viele vorstellen. Doch nein! Ich bin sicher, er würde dort niemals Harfe spielen! Irgendwo habe ich mal gelesen, dass es Robert Wolfs Wunsch gewesen sei, dass Quadro Nuevo weiter machen und Evelyn Huber mit an Bord nehmen sollen. Ob es tatsächlich so war - ich weiss es nicht.

Es ist nicht das, worum es heute wirklich geht. Es ist nur so, dass der Gedanke, die Vor- und Feststellung, dass doch jeder Mensch austauschbar und zu ersetzen ist, mich immer wieder ein emotionales Rumpelstilzchen sein lässt. Und dass die Harfenistin Evelyn Huber bei Quadro Nuevo Robert Wolfs Lücke ersetzen sollte, machte mich wütend. Kein leichter Start also für mich und die Huber!

Inzwischen habe ich viel von Evelyn Huber gehört und weiss, sie ist eine unkonventionelle, großartige Musikerin. Was diese Frau ihrer Orchesterharfe abverlangt ist einmalig. Huber ist eine der besten Harfenistinnen weltweit. Sowohl in der Jazz- als auch in der Weltmusik-Szene ist sie grandios. Sie studierte ihr Instrument an der Musikhochschule München bis zum Solistendiplom und war dort von 1998 bis 2009 Lehrbeauftragte für Harfe. Sie lernte das Harfenspiel von der Pieke auf und belehrte die Zweifler (wie mich) eines Besseren!

Hubers neuester Streich: das Quartett namens «Inspire», deren gleichnamige CD Ende September veröffentlicht wurde (Fine Music / GLM). Inspire, das sind Evelyn Huber (Harfe), Matthias Frey (Flügel), Christopher Herrmann (Cello) und Ramesh Shotham (Perkussion). Alle Titel (es sind derer 12) wurden komponiert von Huber, Frey und Herrmann.

Wenn ich lese «dieser oder jener Musiker nimmt sie mit auf eine Reise…» , denke ich immer BlaBlaBla... So dahergesagte Worthülsen mag ich nicht. Doch während ich diese Zeilen hier schrieb, rang ich um eine andere Formulierung, eine, die es treffender zu beschreiben in der Lage wäre. Was soll ich sagen?: Diese Musiker von «Inspire» nehmen Sie mit auf eine Reise ... ! Auf eine Reise in eine andere Welt. Stimmungsvoll, wohltuend, spannend, erlebnisreich! Während des Hörens kam mir nicht einmal der Gedanke einen Titel zu überspringen oder die Reihenfolge zu ändern! Eine Klangreise, perfekt aufeinander abgestimmt. Der Spannungsbogen ebenso sanft wie faszinierend dramatisch.

Huber erschuf für «Inspire» ein neues Klangbild. Da glaubt man, alles schon mal gehört zu haben, und dann kommt die Huber Evelyn mit Sowas! Mit sowas Mit- und Hinreißendem! Die Wahl der Musiker, die sie sich für dieses Projekt an ihre Seite holte, ist genial! Die Kompositionen: ganz großes Kino! Wie gemacht für einen ganz großen Bahnhof! Vielleicht sogar den alten Bahnhof, den mit der prädestinierten Güterhalle in Bernkastel-Kues?! Na, was sagen Sie dazu, Frau Huber?

Herzlich,
Rosemarie Schmitt

  • Evelyn Huber mit ihrem Ensemble Inspire

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