Július Koller. One Man Anti Show

04.04.2017

25.11.2016 bis 17.04.2017  MUMOK

Mit «Július Koller. One Man Anti Show» präsentiert das Mumok ab 25. November 2016 eine neue Annäherung an das Werk des slowakischen Künstlers Július Koller (1939–2007), einer ikonischen Persönlichkeit in der Geschichte der Neo- und Postavantgarde. Seit der Wiederentdeckung Kollers in den frühen 1990er-Jahren haben seine Arbeiten Künstler_innen und Intellektuelle weltweit maßgeblich inspiriert und sind zu einem wichtigen Referenzpunkt für eine junge Generation von Kunst- und Kulturschaffenden geworden.


Das Mumok zeigt zum ersten Mal sein OEuvre in vollem Umfang. Die Ausstellung macht sowohl Kollers konzeptuelle Präzision wie auch die Bandbreite der von ihm eingesetzten künstlerischen Methoden deutlich. Neben international bekannten Werken sind nie zuvor präsentierte Arbeiten, Archivmaterialien und Ephemera zu sehen. Július Koller. One Man Anti Show arbeitet auf drei Ausstellungsebenen die Aktualität dieser einzigartigen künstlerischen Praxis durch eine neue Lesart und Präsentation seines alles hinterfragenden künstlerischen Antiuniversums heraus.

Sein halbes Leben, von 1963 bis 2007, führte der «U.F.O-Naut» eine «Selbstchronologie», in der er seine konstruktiven Tätigkeiten festhielt. In kritischer Distanz zum Kunstbetrieb und zur institutionellen Kunstgeschichtsschreibung zeichnete er darin die zentralen Motive und Formate seines Gegenentwurfes zu deren Regeln und Werten auf. Diese Selbstdarstellung eines Künstlerlebens, dem mitunter auch der Balkon seiner Privatwohnung publikumsloser Ausstellungsort war, führt die Besucher_innen durch die Ausstellung, deren Titel One Man Anti Show sich auf diese kritische Position des Künstlers gegenüber der Kunst und ihren Institutionen bezieht. Die Präsentation stellt die Schlüsselthemen, Werkgruppen, Motive und Methoden vor, die Koller im Laufe seines künstlerischen Lebens eingesetzt und beständig verändert hat.

Seine Strategie war es, den ganz normalen Alltag zu nutzen, ästhetische Ideale zu unterlaufen, um schließlich eine «neue kulturelle Situation» zu schaffen, die zu einem «neuen Leben, einer neuen Kreativität und einer neuen Kosmohumanistischen Kultur» führen sollte. Koller fühlte sich einer Junk-Kultur zugehörig. Der Rundgang durch die Ausstellung verdeutlicht in diesem Sinne seine Verwendung von Dingen aus dem Leben – von Zeitungsausschnitten über Anleihen aus Comics bis zu Verpackungsmaterial. Die Präsentation im Mumok beginnt mit der Wiedereinrichtung eines legendären kollerschen Aktionsraumes, des «J.K. Ping-Pong Club» (1970): Während der Öffnungszeiten der Ausstellung in Wien können sowohl Profis wie auch Amateur_innen miteinander spielen und Bälle, Meinungen und Positionen in einer Fair-Play-Atmosphäre austauschen. Der «J.K. Ping-Pong Club» war ein Statement Kollers gegen die bleierne politische Situation in der Tschechoslowakei nach dem Ende des Prager Frühlings und ist heute aktueller denn je.

1963, noch als Kunststudent, setzte Koller seine ersten kulturellen Aktivitäten, angetrieben von der Hoffnung auf eine freie Kunst in der Tschechoslowakei durch die Kritik am stalinistischen Personenkult und am sozialistischen Realismus während der Tauwetterjahre. Mitte der 1960er-Jahre, dem Laien- und Amateurhaften näherstehend als dem dominierenden Akademismus der modernistischen Profikunst, verfasste er sein erstes Manifest, Antihappening (System der subjektiven Objektivität), in dem er, gleichfalls als Gegenposition zu den damaligen Formalismen der Neoavantgarde, Aktivitäten aus verschiedenen Bereichen seines privaten wie auch öffentlichen Lebens zur Kunst erklärte. Demzufolge wurde Kultur allgemein zu seinem Operationsfeld, in einem Versuch, den Kunstbereich dazu in Beziehung zu setzen und mögliche Alternativen aufzuzeigen. Sport diente ihm dabei als wichtiges Bezugsfeld.

Als Reaktion auf den leeren Exhibitionismus in Zeiten politischer Instabilität verbreitete Koller 1970, zwei Jahre nach dem Prager Frühling, Telegramme mit dem Wortlaut «UmeNie» (Keine Kunst). Seine dialektischen Kommentare zu Kunstinstitutionen führten später zur Gründung der Parainstitution Galéria Ganku, benannt nach einem Bergsteigerziel, den meisten Besucher_innen nicht zugänglich. Ab 1970 verlagerte Koller sein Interesse zunehmend vom Sport auf ein Sprach- und Bezeichnungsspiel mit utopischem Hintersinn. Die performativen «Universalkulturellen Futurologischen Operationen (U.F.O.)» mit ihren codierten «Objekten», «Orientierungen» und «Organisationen» repräsentieren ein System, mit dem der Künstler sein eigenes Kommunikationsmedium etabliert, in welchem jeder entstehende Kontakt ein Impuls zur Archivierung der Welt wird. Im Lauf der folgenden drei Jahrzehnte schuf er eine wesentliche Werkgruppe, während er selbst Motiv einer Serie jährlicher Porträts wurde: «U.F.O.-naut» J.K. (1970–2007) Wiederkehrende Fragezeichen, Plus- und Minus- sowie Oben- und Unten-Zeichen, Netze, Spielfelder sowie Pingpong- und Tennisbälle bilden ein Feld simpler und miteinander verbundener Symbole. Mit ihnen verschlüsselt und erschließt Koller gleichzeitig die Bedeutung der ihn umgebenden Welt.

Tennis und Pingpong sind in Kollers Werk nicht nur wiederkehrende künstlerische Motive, sondern auch ein politisches Statement. Er zeichnete Tennisplätze auf Postkarten, zog die Linien eines Courts mit Kalk nach und lud das Publikum zu Tischtennisturnieren statt zu Ausstellungen. Die klaren Prinzipien und Vollzüge im Sport verweisen für Koller auf eine demokratische Fair-Play-Situation mit genau festgelegten Regeln; ein perfekter Ausdruck seiner Utopien in einer ansonsten von willkürlich bestimmten politischen Regeln und ihrer Missachtung geprägten Welt.


Július Koller. One Man Anti Show
25. November 2016 bis 17. April 2017

MUMOK
Museumsplatz 1
A-1070 Wien
T: 0043 (0)1 52500
E: info@mumok.at
W: http://www.mumok.at


Öffnungszeiten

Montag 14 – 19 Uhr
Di bis So 10-19 Uhr
Donnerstag 10 – 21 Uhr

 


  • Július Koller: Antihappening. Systém subjektívnej objektivity / Antihappening. System of Subjective Objectivity, 1965. Grüner Briefmarkenstempel, Tinte, auf Papier, 11,5 x 16,5 cm; © Bratislava City Gallery und Július Koller Society
  • Július Koller: Univerzálna Fyzkultúrna Operácia – Obrana (U.F.O.) / Universal Physical-Culture Operation – Defense (U.F.O.), 1970. S/w-Fotografie auf Papier; © Fondazione Morra Greco und Július Koller Society
  • Július Koller: Univerzálna Fantastická Orientácia (U.F.O.) / Universal Fantastic Orientation (U.F.O.), 1978. S/w-Fotografie auf Papier, 19,2 x 25 cm; © Tate Modern und Július Koller Society
  • Július Koller: Univerzálna Fyzkultúrna Operácia – Obrana (U.F.O.) / Universal Physical-Culture Operation – Defense (U.F.O.), 1970. S/w-Fotografie auf Papier; © Fondazione Morra Greco und Július Koller Society
  • Július Koller: Univerzálna Fyzkultúrna Operácia – Obrana (U.F.O.) / Universal Physical-Culture Operation – Defense (U.F.O.), 1970. S/w-Fotografie auf Papier; © Fondazione Morra Greco und Július Koller Society
MUMOK
Museumsplatz 1
A-1070 Wien
T: 0043 (0)1 52500
E: info@mumok.at
W: http://www.mumok.at


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