Der Friederich, der Friederich - und darüber hinaus

09.11.2016 Rosemarie Schmitt

Es war im Jahre 1979, als der zu dieser Zeit 49-jährige Friedrich Gulda es für wichtig befand der Welt, wenigstens der musikinteressierten, eine Nachricht zu überbringen. Jene Nachricht wurde damals an drei Abenden in Wien für drei «Publikümmer» aufgenommen. Der erste jener Abende trug den Titel «Zusammenhänge I», der zweite (?) - genau (!): «Zusammenhänge II» und der dritte Abend (?) - Irrtum (!), denn diesen benannte Gulda: «Darüber hinaus»!


Weshalb drei Abende? Nun, Herr Gulda erklärte das folgendermaßen: «(…) Es ist doch heute so, leider, und das wiederhole ich zum x-ten Mal, es ist unendlich langweilig, aber ich wiederhole es trotzdem, dass die eine Musik dieses Publikum hat, die andere Musik ein anderes Publikum und die dritte Musik hat wieder ein drittes Publikum, und die Sachen kommen nicht zusammen und hängen auch scheinbar gar nicht zusammen, nicht zuletzt .... (…)». Stimmt, Herr Gulda! Es ist in der Tat unendlich langweilig! Die Aufnahmen jener drei Abende wurden jedenfalls auf 6 Schallplatten aufgenommen (MPS) und unter die Publika gebracht.

Manfred Sack von «Die ZEIT» schrieb unter der Rubrik «Die neue Schallplatte» am 16. November 1979 dazu:

Hervorragend/Ärgerlich
«Message from Friedrich Gulda.» Diese Botschaft, die der Pianist dem Publikum dreier Konzerte in Wien übermittelt hat, ist nun, auf sechs Schallplatten festgehalten, für jedermann zugänglich: eine faszinierende Veranstaltung mit einem für Gulda sehr charakteristischen Programm. Er spielt, intelligent und auf eine sehr kontrollierte Weise unbefangen vieles, was nach traditionellen Usancen immer noch nicht zusammengehört, Musik von Bach und Mozart, von Debussy und, sich freundlich vor ihnen verbeugend, Musik von Friedrich Gulda. Er variiert Klassisches, er macht (mit einer Handvoll hervorragender Mitspieler) Jazz, auch eine eigene Art von «Pop» und bringt damit etwas fertig, was man heutzutage schwerlich erwartet: Er empfängt, wie es im Titel heißt, «Besuch vom alten G.» und versetzt eine lange Passage aus Goethes Westöstlichem Divan in seine Musik. Gulda ist auch ein einzigartiger Interpret, am Klavichord, am Klavier und auf der Flöte, er singt, pfeift und rezitiert mit äußerster Konzentration und mit viel Witz. Es gibt in dieser langen Veranstaltung keinen Augenblick von Langeweile und keinen, in dem die Aufmerksamkeit und die Präzision der Musiker nachließe. Nicht zuletzt deswegen ist es ärgerlich, daß den deutschen Hörern alles, was sie wissen müssen, nur in der englischen Version vorgesetzt wird: einer der in der Schallplattenbranche üblichen Fälle verlegerischer Barbarei, hervorgerufen durch die Fixierung auf den anglo-amerikanischen Markt; sie scheint die Verachtung deutscher Kunden zu rechtfertigen. Goethe zum Mitlesen (schon weil nicht jedes Wort zu verstehen ist) auf englisch zu präsentieren, ist ziemlich bös, zumal da alle genaueren Quellenangaben für Text und Musik (Bach, Debussy) fehlen. (MPS 0188.049) Manfred Sack

Jetzt, 37 Jahre später, erreichte auch mich Guldas Nachricht. Und zwar auf 4 CDs, hergestellt aus den MPS-Masterbändern und veröffentlicht von EDEL: Message from G. / 3 Concerts by Friedrich Gulda. Zu hören ist, wie Herr Gulda auf dem Clavichord und den Flöten spielt, wie er Selbstgespräche führt, singt, rezitiert und pfeift. Begleitet von Paul Fuchs an einer Motorsäge und Ursula Anders am Schlagzeug (ebenfalls rezitierend und singend). Ursula Anders, nicht etwa Andress, das ist etwas andres! Jene Ursula Anders war eine seiner Frauen, mit der er spielte und für die er komponierte («Concerto for Ursula»).

Was, frage ich mich, nachdem ich diese Aufnahmen gehört habe, möchte mir Herr Gulda mitteilen? Das werde ich nicht beantworten können, denn ich kann ihn nicht mehr fragen. Doch bin ich nicht sicher, ob, was er beabsichtigte, auch bei mir ankam. Seine Nachricht an mich: «Ich bin ein durchgeknallter, egozentrischer, selbstverliebter Mensch und Musiker (Anmerkung der Autorin: das vermag ich nicht zu trennen). Ein Mensch, der sich für den Größten hält, einer, dem es mangelt an Respekt.»

Mit der Sängerin und Percussionistin Ursula A. spielte und schockierte Friedrich G. Etwa, indem die beiden nackt auf der Bühne erschienen. Im Vorwort zur Neuauflage von Guldas Message schreibt Frau Anders, sich erinnernd an den Nachmittag des bevorstehenden Konzertes in Wien: «(…) Friedrich nahm mich in unserem luxuriösen Hotelzimmer glücklich in seine Arme. Wir küssten und liebten uns innig aus ganzem Herzen und mit allen Sinnen. Goethe erklang in uns: »Ist dies ein lebendig Wesen, das sich in sich selbst getrennt? Sind es zwei, die sich erlesen, dass man sie als Eines kennt?« Unser Liebesspiel entfaltete sich ganz spontan aus dem Gefühl heraus und dieser improvisatorische Akt setzte sich dann am Abend in musikalischer Form fort. (…)»

Zu dem Nacktauftritt mit Frau Anders sagte Herr Gulda in einem Interview (erschienen am 2. Juni 1989 in der ZEIT) :

Mit Ihrer Geliebten Ursula Anders sind Sie sogar nackt aufgetreten.

GULDA: Ja, mit Krummhorn. Das war in einer Darbietung meines «Opus Anders», die wichtigste Szene, ähnlich und auf ähnliche Weise mißverstanden wie die Nacktszene in dem Film von Herrn Bergman, «Das Schweigen».

Im Film war das ein sexuell motivierter Vorgang.

GULDA: Bei mir auch. Diese Musik hat mit Sex halt sehr viel zu tun. Das ist die Geschichte einer Frau, die sagt, sie scheißt auf alle Vorschriften, repräsentiert durch ihre verflossenen Männer, und macht jetzt nur noch, wozu sie Lust hat. Ausdruck dieser Befreiung ist, daß sie sich auszieht. Zuerst merkt sie es gar nicht. Plötzlich wird sie sich dessen bewußt, hält inne und sagt ganz perplex: Ich bin verrückt. In diesem Moment komme ich nackt aus dem Nichts, nehme das Krummhorn, was natürlich ein Symbol ist, und sagt, ich bin auch verrückt, komm, spielen wir miteinander.
Ist Frau Anders noch Ihre Partnerin?

GULDA: Nein, die lebt jetzt in Hamburg. Meine neue Partnerin ist eine Doktor der Theaterwissenschaft.

Von Guldas Respektlosigkeit zeugen Aussagen wie: «(…) dazu muß ich Ihnen sagen, daß mir das scheißegal ist, weil er von dem, was ich musikalisch wirklich will und tue, gar keine Ahnung hat.» Er sprach hier von: Joachim Kaiser (* 18. Dezember 1928), ist seit 1959 leitender Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung und war von 1977 bis 1996 Professor für Musikgeschichte an der Hochschule für Musik und Darstellende Künste in Stuttgart. Kaiser zählt zu den einflussreichsten deutschsprachigen Musik-, Literatur- und Theaterkritikern.(Quelle: Wikipedia)

Ebenfalls respektlos: Gulda: «(…) Jedenfalls hab' ich mir das gemerkt und gedacht, aha, mit denen kann man nicht ehrlich sein, dann eben unehrlich! Und so hat sich der listige Gulda 1988 wieder von den Festspielen einladen lassen, zugleich aber auf dem Domplatz ein Konzert mit dem Dirigenten Harnoncourt angesetzt, so daß man vor dem unlösbaren Problem stand, einen Künstler nicht gleichzeitig engagieren und hinausschmeißen zu können. Auf diese Weise habe ich meinen Plan zwar nicht auf direktem Weg, aber listig und verschlagen und unehrlich, mit üblen Methoden und faulen Tricks doch noch durchgesetzt, nicht weil ich von den Qualitäten des Herrn Harnoncourt so sehr überzeugt bin, ich habe gegen ihn schwere Vorbehalte, ich halte ihn nicht für den Größten...
Weil der Größte ja Sie sind.

GULDA: Eben! Und ich laß mir von niemandem etwas verbieten. Ich hab' mir gedacht, lieber Herr Karajan, dir werd' ich’s zeigen. Während wir auf dem Domplatz spielten, hatte ich das Ticket nach Ibiza schon in der Tasche, denn ich habe nie die Absicht gehabt, die vereinbarten Festspielkonzerte zu geben. Der böse Gulda hat es gewagt, dem Herrn von Karajan, dem Gott-Ähnlichen, in seiner Mozart-Stadt auf der Nase herumzutanzen. Das gab natürlich einen riesigen Wirbel. Mir hat es teuflischen Spaß gemacht, als ich, umgeben von den angenehmsten Dingen, im Sande lag und mir zum Drüberstreu’n in der Süddeutschen Zeitung oder im Wiener Kurier die Folgen meiner Inszenierung ansehen konnte. Rache ist süß. Schadenfreude ist die reinste Freude. (…)» [sic]

Er schrieb dem Cellisten Heinrich Schiff, den er nicht mochte, ein Konzert auf den Leib (wie er selbst sagt.). Weshalb er ihm ein Konzert widmete, obwohl er ihn nicht mochte? Weil er so schön darum gebeten habe, sagte Gulda. Außerdem sagte er: «Ob Herr Schiff mein Konzert spielt oder schifft, oder ob es ein anderer tut, ist mir egal.»

Und: «(…) Tenöre und Cellisten sind oft sehr dumm. Das wird man doch sagen dürfen (…)», außerdem: «(…) Ich mache es einem Herrn Karajan oder auch einem Herrn Harnoncourt nicht zum Vorwurf, daß sie nichts schöpfen, aber im Grunde sind sie mir fad, weil ich das, was sie tun, mindestens genauso gut kann, wahrscheinlich besser, ich kenne keine falsche Bescheidenheit. Also ich kann diese Leute nicht wirklich schätzen (…)».

Ich könnte noch zig solcher Beispiele von Guldas Respektlosigkeit und Selbstüberschätzung nennen ... Alternativ können Sie ich aber auch diese Aufnahmen, Guldas Vermächtnis, seine Message, anhören. Man hört was dieser Musiker für ein Mensch gewesen sein muss.

Friedrich Gulda starb im Januar des Jahres 2000. Ein Jahr zuvor bat er darum, nein, ordnete er an, dass, sollte er die bevorstehende Operation nicht überleben, Nachrufe zu seinem Ableben zu unterbleiben hätten. Eine «nüchterne Tatsachenmeldung» dürfe jedoch erscheinen. Am 28. März wurde dann sein Tod verkündet. Wie sich jedoch herausstellte, hatte er diese «Ente» selbst frei gelassen. Vielleicht nicht des Todes, sondern der «Wiederauferstehung» wegen, die er mit den «Paradise Girls» (einer Go-Go-Gruppe) ausgelassen in Salzburg feierte. Ich sagte doch, der Gulda war total durchgeknallt. Der Friederich, der Friederich ...

Zu seinem 70. Geburtstag (im Mai) war auch eine Feier geplant. Nicht mit den «Paradise Girls», sondern mit den Wiener Philharmonikern. Aber dazu kam es nicht mehr, denn am 27. Januar 2000 starb er. Tatsächlich.

Es ist zweifellos eine sehr interessante Aufnahme, die uns sehr edel von EDEL präsentiert wird. Informativ und aufwendig das Booklet, aufschlussreich, was Friedrich Gulda «so von sich und preis-gibt».

Herzlich,
Ihre Rosemarie Schmitt

  • Friedrich Gulda; Foto: (c) Frank Fielder

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