Shithouse of Cards

07.11.2016 Kurt Bracharz

Googeln Sie’s nicht, das Wort gibt es tatsächlich, das Urban Dictionary führt unter zahlreichen Bedeutungen auch die folgenden an: «Someone who is the epitome of scum, the lowest of the low, someone with absolutely no morals.» Also in etwa: «der letzte Dreck, das Allerletzte, jemand ohne jede Moral». Aber ich glaube, der Kandidat nähme es nicht übel, wenn er von einem der arbeitslosen, Meth-kochenden und mit einem Sturmgewehr bewaffneten Milizionäre in Kentucky mit einem herzlichen «Trump, you old shithouse, I’m your biggest fan!» begrüßt würde.


Der «Neuen Zürcher Zeitung» lag am Wochenende vor der US-Wahl der Vergleich mit der TV-Serie «House of Cards» fern, sie übertitelte mit einem rätselhaften «Bruder Trump» (Anspielung auf den Hl. Franziskus? Schwester Spinne, Bruder Trump? Oder was?) einen merkwürdig anmutenden Leitartikel von Eric Gujer, in dessen Untertitel die Message auf den Punkt gebracht wurde: «Dabei will Trump nur, was auch Europa in der Außenpolitik will: weniger zahlen und weniger Verantwortung tragen.»

Wahrscheinlich fürchtet der Milliardär Trump, dass er selbst wieder Steuern zahlen muss, wenn die USA nicht noch weitaus isolationistischer werden, als es unter Obama begonnen hat. Wenn die USA den internationalen Sheriffstern aber endgültig zusammen mit dem rauchenden Colt zum Alteisen legen, gehen in Europa wieder einmal die Lichter aus. Das ist auch Gujer klar: «Eine Anlehnung an Moskau wäre möglich, aber noch weniger kompatibel mit europäischen Wertvorstellungen als die amerikanische Hegemonie.» Offenbar hält dieser Autor das Blut-und-Boden-Geschwafel (heute natürlich modernisiert zu Ausländerhass und Fremdherrschaft) der Völkischen nicht für «europäische Wertvorstellungen», obwohl es sich in Europa immer mehr ausbreitet.

Die Israelis fragen sich, wer ihnen als Präsident mehr nützt: Hillary Clinton, die eine Zweistaatenlösung anstrebt und vielleicht während ihrer Amtszeit unbedingt durchsetzen will, um auch einen Friedensnobelpreis zu bekommen, oder Trump, der angeblich eine gute Beziehung zu Benjamin Netanjahu hat und zum Beispiel die amerikanische Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem verlegen will, was aber keine Prognosen ermöglicht. Schließlich war Trump einmal Demokrat und Clinton-Unterstützer (natürlich von Bill Clinton, vielleicht hoffte er auf gemeinsames Bunga-bunga), es könnte sich also auch hinsichtlich Israels seine Meinung irgendwann um 180 Grad drehen. Einen Unterstützer, der auf einer der letzten Wahlveranstaltungen «JewSA» brüllte, hat Trump, dessen Tochter vor ihrer Heirat zum Judentum übergetreten ist, jedenfalls nur ignoriert, er ist ja auch auf jede Stimme angewiesen.

Trump wird als bösartiger Narzisst eingeschätzt, als ungebildeter Rüpel und als neureicher Proll. Er muss aber auch dumm sein. Wenn jemand wirklich US-Präsident werden will, dabei auf die Stimmen der Latinos angewiesen ist und sich dann öffentlich die Bemerkung nicht verkneifen kann, die kolumbianische Miss Universe sei bestenfalls eine «Miss Putzfrau», dann reicht Unbeherrschtheit als Erklärung nicht aus, da fehlen wohl doch ein paar Ganglien. Zur Präsidentschaft würde es aber allemal reichen, schließlich ist Trump doch immer noch schlauer, als es George Bush jun. jemals war.


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