Miss Hokusai

08.12.2016 Walter Gasperi

Nach dem Manga «Sarusuberi» erzählt Keiichi Hara in seinem bezaubernden Animé von der Tochter des berühmten Malers Katsushika Hokusai, die im patriarchalen Japan des frühen 19. Jahrhunderts auf ihrer Unabhängigkeit pochte, obwohl sie in der Männergesellschaft als Malerin nie voll akzeptiert wurde. Der ebenso feinfühlige wie bewegende Animé ist bei AV Visionen auf DVD und Blu-ray erschienen.


Mit einem Insert und der Totalen einer belebten Straße versetzt Keiichi Hara den Zuschauer ins Edo – das heutige Tokio – des Jahres 1814. Eine Frauenstimme spricht über einen schrulligen Typen, den sie sogleich ihren Vater nennt. Einen ungewöhnlichen, keineswegs hagiograpischen Blick auf den berühmten japanischen Künstler Katsushika Hokusai (1760–1849), der auch Monet, van Gogh und andere europäische Maler inspirierte, kündigt sich damit an und die folgende fetzige Rockmusik stellt nochmals klar, dass hier kein biederes Biopic zu erwarten ist.

Hara erzählt auch nicht das ganze Leben von O-Ei und ihrem Vater, sondern beschränkt sich auf den kurzen Zeitabschnitt des Werdens der Künstlerin. Nach der Scheidung ihrer Eltern lebt O-Ei bei ihrem Vater, besucht aber im Gegensatz zum Vater ihre Mutter und ihre blinde kleine Schwester, die in einem Kloster lebt.

Berührend sind die Szenen dieser Begegnungen mit der Schwester, die die Welt über Geräusche und Gerüche erfährt und deshalb mit O-Ei am liebsten eine verkehrsreiche Brücke aufsucht. Fließend geht da eine Fahrt mit einem Boot in Hokusais berühmten Holzschnitt «Die große Welle vor Kanagawa» über. Der Maler selbst aber will keinen Kontakt mit dieser Tochter, da er alles Kranke und Schwache ablehnt, und allein für seine Kunst lebt.

Kritisch ist O-Eis und damit natürlich auch der Blick des Regisseurs auf den Maler, dem Vergessen entrissen wird dafür die Tochter. Hara zeichnet sie als selbstbewusste Frau, die ihren Vater und seine Saufkumpanen auch mal aus dem Haus wirft oder in einer Nacht eine neue Fassung der Zeichnung eines Drachens, die durch ihre Unachtsamkeit zerstört wurde, herstellt.

Gleichzeitig gesteht O-Ei aber auch ein, dass sie von ihrem Vater noch viel lernen kann, wenn er ihr Gemälde einer Hölle, das bei der Besitzerin schwere Alpträume auslöste, überarbeitet und damit die Panikattacken verscheucht. Um sich künstlerisch weiterzuentwickeln, geht sie aber auch, als ihren erotischen Bildern mangelnder erotischer Reiz vorgeworfen wird, in ein Bordell und sucht den Kontakt zu einer Kurtisane. – Wie bei dieser Szene aber mehr angedeutet als gezeigt wird, so werden auch ihre erotischen Zeichnungen und die ihres Vaters nicht groß ins Bild gerückt. – Dennoch ist dies definitiv ein Animationsfilm für Erwachsene und nicht für Kinder.

Immer wieder bricht in den Film auch das Geisterhafte ein – und Hara findet dafür großartige Bilder. Eindrücklich visualisiert er die beunruhigenden Visionen einer Kurtisane und schwarzweiß wird der bezaubernd und mit viel Liebe für Details animierte Film in einer Erzählung über drei Buddhas, die ein Dorf vernichten. Doch dann können sich solche angstvollen Momente auch wieder ganz harmlos auflösen, wenn sich einmal nur ein Insekt als Auslöser der Beunruhigung entpuppt.

Wenn man Filme nach spektakulären Szenen bemisst ist das ein kleiner Film, aber ein großer, wenn es um Menschlichkeit und um die Würdigung einer Künstlerin geht, die zu Unrecht viel zu lange im Schatten der Männer stand. Die Verknüpfung von Familiengeschichte und künstlerischer Entwicklung O-Eis ist zwar Hara nicht überzeugend gelungen, doch ein bewegendes Denkmal einer weitgehend vergessenen Künstlerin setzt der feinfühlige Film dennoch.

An Sprachversionen bieten die bei AV-Visionen erschienene DVD und Blu-ray die japanische Originalfassung, zu der deutsche Untertitel zugeschaltet werden können, sowie die deutsch synchronisierte Fassung. Die Extras beschränken sich auf das Filmplakat und Trailer zu weiteren Filmen dieses Labels.

Trailer zu «Miss Hokusai»

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.