Roboten

06.11.2016 Haimo L. Handl

In jüngster Zeit wird das Thema «Zukunft der Arbeit» bzw. neue Arbeitsformen durch erweiterte Digitalisierung und ausgefeilte Robotik verstärkt diskutiert. Die Fachleute sind sich einig: Wir werden in Kürze Abertausende von ihrer Arbeit «freisetzen», weil die Maschinen besser, kontrollierter und billiger produzieren bzw. auch Services in den Dienstleistungen erbringen werden. Während der prognostizierte technische Fortschritt einige enthusiasmiert, verdüstert er den Verlierern ihre Zukunftserwartungen.


Auffällig in der Debatte ist die Abwesenheit politischen Denkens. Denn die Neuerungen sind keine rein technische Angelegenheit. Schon heute belastet ein einseitiges, ausbeuterisches Steuersystem die Arbeitskraft und stützt die Vermögen. Auch die fehelende adäquate Erbschaftssteuern machen die Reichen reicher und vertiefen die Kluft zwischen der ganz kleinen Elite, die den allergrößten Vermögens- und Gewinnanteil kontrolliert und der Mehrheit, die sich mit Abfall abspeisen lässt. In Zukunft wird auch eine höhere Besteuerung der Arbeit nicht mehr ausreichen. Aber die sogenannte Maschinensteuer oder Steuer auf Produktion ist tabu, ähnlich der Finanztransaktionssteuer. Dass das nicht ernsthaft diskutiert wird, lässt nichts Gutes ahnen.

Es ist überhaupt erstaunlich, dass diese Mehrheit es hinnimmt, obwohl es sonnenklar ist, dass niemand durch ehrliche Arbeit es zu Wohlstand bringen kann. Trotzdem halten die allermeisten still, hackeln, schuften, arbeiten, roboten. Ja, sie nehmen sogar Verschlechterungen in Kauf. Bei uns in Österreich mutet die Volkspartei, eine die Ausbeutung fördernde, die Reichen unterstützende Vereinigung mit Tarnnamen, jetzt den Unselbständigen sogar wieder einen Zwölfstundenarbeitstag zu, kürzt Sozialleistungen, wo immer es möglich scheint, verhindert flächendeckende Versorgungen mit Horten und Kitags, zwingt aber mehr und mehr Leute in mehrere Arbeitsverhältnisse um zu überleben. Bis jetzt hat sie noch nicht die Wählerantwort erhalten, die sie verdient: extreme Marginalisierung.

Wir haben es uns in den Zwangseinrichtungen wohnlich gemacht. Wir akzeptieren fast als Grundgesetz die Zwangsmitgliedschaft bei den Kammern, was vor allem den Unternehmensvertretern ein hohes Budget einräumt, nachdem die alte rigide Gewerbeordnung nur insoweit reformiert wird, dass die Einnahmen durch verpflichtende Mehrfachmitgliedschaften nicht geschmälert werden. Ein riesiger Bürokratenapparat schmarotzt nicht nur, sondern lenkt und kontrolliert.

Wir akzeptieren eine Zwangsvergebührung für den ORF mit Argumenten aus dem nationalistischen 19. Jahrhundert. Morgen schon könnten wir uns dieser Zumutung entledigen! Der Staat und ein Netz sogenannt öffentlich-rechtlicher Organisationen haben sich wie todsaugende Kraken über uns gelegt. Das bürokratische Denken und Handeln erlaubt zwar Rufe nach Reformen und Innovation, be- oder verhindert jedoch entsprechende Umsetzungen.

Wie fatal und teuer das unvorsichtige Nachgeben dem Unternehmerdruck ist, beweist das Bildungswesen, das aufgrund von vehementen Unternehmerwünschen ab 1999 im sogenannten Bologna-Prozess deformiert wurde. War ursprünglich seitens der Wirtschaft gefordert worden, dass ein kurzes Bachelorstudium in wenigen Jahren Akademiker liefere, die billiger sind, als die bisherigen Abgänger, stellen heute die Bachelorstudentinnen und Studenten das neue Proletariat dar, die keine echte universitäre Ausbildung erhalten, sondern in hohem Tempo ihre „Credits“ ergattern, möglichst unkritisch keine Zeit vergeuden, um dann am Arbeitsmarkt erst schlecht bezahlte Stellen zu erhalten, wenn überhaupt.

Die Pervertierung von Bildung hat zwischenzeitlich sich tief verankert. Die Verschulung nahm extrem zu, das innovative Denken existiert in genehmen Nischen, aber das kritische Denken und Reflektieren ist obsolet geworden, wird nicht honoriert und gefördert. Das Diktat der Ökonomie ist unerbittlich.

Wohin die kulturelle Dürre führen kann, beweisen nicht zuletzt die USA, wo einigen Eliteeinrichtungen eine riesige Mehrheit von Ungebildeten und Dummen gegenübersteht, die leicht manipulierbar ist. Doch die USA wirken immer noch als Leitmacht, beeinflussen unsere Bildungs- oder Ausbildungseinrichtungen, was sich nicht zuletzt in der Herrschaft des Denglischen äußert, das Pseudomoderne bei uns so beflissen pflegen. Das hilft dem Roboten, dem Regime der Helfershelfer.

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