Hell or High Water

08.11.2016 Walter Gasperi

Um ihre Farm vor dem Zugriff einer Bank zu retten, überfallen zwei Brüder selbst mehrere Banken, doch ein Texas-Ranger macht Jagd auf sie. – Der Brite David Mackenzie drehte einen uramerikanischen Film, getränkt von der Faszination für große Kinomythen und die grandiose Landschaft des Südwestens. Unterstützt von einer exzellenten Besetzung, der großartigen Kameraarbeit von Giles Nuttgens und der Musik von Nick Cave und Warren Ellis gelang ihm ein meisterhafter, ganz dem klassischen amerikanischen Kino verpflichteter, aber dennoch moderner Film.


Mit dem Schleppkahn-Drama «Young Adam» machte der 1966 geborene David Mackenzie 2003 auf sich aufmerksam, mit «Hallam Foe» gelang ihm vier Jahre später der Sprung in den Wettbewerb der Berlinale. Als wandlungsfähiger Regisseur, der mit jedem Film etwas Neues probiert und sich in keine Schublade pressen lässt, erwies sich der Brite in den folgenden Jahren mit dem Science-Fiction Drama «A Perfect Sense» (2011) und dem Gefängnisfilm «Starred Up» («Mauern der Gewalt», 2013), doch konnte er weder bei Festivals noch beim Publikum den großen Erfolg landen.

Mit «Hell or High Water» fügt Mackenzie ein weiteres Steinchen seiner schillernden Filmographie hinzu. Er hat dabei nicht nur in New Mexico gedreht, sondern der Brite legt damit wohl auch einen der amerikanischsten Filme seit langem vor.

Hier wird nicht lange gefackelt, sondern mit einer virtuosen Plansequenz und dem Überfall auf eine Bank in einer texanischen Kleinstadt setzt der Film ein. Mit der Flucht der beiden Gangster ist es aber nicht getan, sondern sie holen sogleich noch zu einem zweiten Schlag aus.

Erst später wird klar werden, dass Tanner(Ben Foster), der erst vor kurzem nach zehn Jahren Haft aus dem Gefängnis entlassen wurde, und sein Bruder Toby (Chris Pine) nur Texas Midland-Banken überfallen. Diese Gesellschaft hat nämlich die verstorbene Mutter mit faulen Krediten in den Ruin getrieben und will nun die Farm, auf der Öl gefunden wurde, übernehmen.

Nur genug, um den Kredit zurückzuzahlen und die Farm vor dem Zugriff der Bank zu bewahren, will Toby rauben, dann will er Haus und Grundstück seinen beiden Söhnen überschreiben. An die Fersen des besonnenen und Gewalt ablehnenden Toby und des hitzköpfigen und brutalen Tanner heftet sich aber bald der kurz vor der Pensionierung stehende Texas-Ranger Marcus Hamilton (Jeff Bridges) und sein mexikanisch-indianischer Deputy Alberto (Gil Birmingham).

Ein klassischer Männerfilm ist das, Frauen spielen hier nur Nebenrollen. Sichtlich getränkt ist diese Kinofantasie von Mackenzies Begeisterung für den amerikanischen Western und Gangsterfilm. Großartig fängt die Kamera von Giles Nuttgens immer wieder in raumgreifenden Luftaufnahmen die Weite des Landes ein, gleichzeitig wird die Faszination für dieses grandiose Land kontrastiert von den sozialen Verhältnissen. Immer wieder werden verfallende Farmen und Tankstellen ins Bild gerückt, wird Armut sichtbar, für die den Banken, die allenorts ihre günstigen Kredite anpreisen, die Schuld gegeben wird.

Einfach gestrickt mögen die Erklärungen sein, aber «Hell or High Water» ist bei aller sozialen Grundierung kein Sozialdrama, sondern Genrekino reinsten Wassers. Da dürfen die Figuren auch Archetypen sein, wie man sie aus solchen Filmen kennt und dem Klischee entspricht auch, dass praktisch jeder Texaner nicht nur selbst eine Waffe mit sich trägt, sondern diese auch ganz selbstverständlich einsetzt.

Großes Vergnügen bereitet Mackenzies Film gerade dadurch, wie er diese Genre-Muster und Klischees verwendet und an die Traditionen klassischer Outlaw-Western wie Henry Kings «Jesse James» (1939) oder Gangsterfilme wie Arthur Penns «Bonnie and Clyde» (1967) anknüpft. Wie in ersterem die Eisenbahngesellschaften und in letzterem die Banken während der Großen Depression die Bevölkerung verarmen ließen, so sind es nun wiederum die Banken, aber Mackenzie bringt mit dem Deputy Alberto auch ins Spiel, dass einst die Weißen den Indianern das Land stahlen.

Wie bei Wim Wenders´ «Paris Texas» (1984) oder bei Paolo Sorrentinos «Cheyenne – This Must Be the Place» (2010) spürt man auch in Mackenzies Film in jeder Einstellung seine Faszination für diese Kinotradition und für diese Landschaft.

Bis in die Nebenrollen hinein perfekt besetzt sind die knapp, aber prägnant gezeichneten Figuren. Keine glatten Helden sind das, sondern raue und kernige Typen vom ruppigen, seinen Partner mit rassistischen Witzen provozierenden Texas-Ranger, den Jeff Bridges schon mit so viel Gusto spielt, dass er fast zur Karikatur wird, bis zu zwei Kellnerinnen in zwei Diners.

Nicht nur in die Landschaft, sondern auch in einen sozialen Raum sind hier die Figuren eingebettet. Aus diesem Hintergrund heraus entwickelt sich die Handlung, deren Spannung nie nachlässt, und großartig wird die Atmosphäre des Films, der auch durch die trockenen Dialoge besticht, vom fantastischen Soundtrack der Ausnahmemusiker Nick Cave und Warren Ellis unterstützt. – Ein Fest für Filmfreunde, das Lust auf mehr macht, ist dieser Gangsterfilm und zeigt auch, dass die traditionellen Formen noch längst nicht tot sind, sondern dass man ihnen immer noch Leben einhauchen und großartiges Kino daraus entwickeln kann.

Läuft derzeit im Takino Schaan und im Kino Rex in St. Gallen (Deutschlandstart: 12. Januar 2017)

Trailer zu «Hell or High Water»

weiterführende Links:

www.hellorhighwater.movie

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