Egon Schiele - Tod und Mädchen

25.10.2016 Walter Gasperi

Dieter Berner zeichnet in seiner Adaption von Hilde Bergers Roman «Tod und Mädchen. Egon Schiele und die Frauen» die letzten acht Lebensjahre des Wiener Malers nach. Handwerklich solide gemacht und gut gespielt bleibt das Biopic insgesamt letztlich kraftlos und lässt nie tiefer blicken.


Vom Ende aus blickt Dieter Berner, der mit «Die Alpensaga» und «Die Arbeitersaga» in den 1970er und 1980er Jahren TV-Geschichte schrieb, auf die letzten Lebensjahre Egon Schieles zurück. Im Herbst 1918 liegt der 28-jährige Künstler (Noah Saavedra) von der Spanischen Grippe schwer gezeichnet im Bett. Liebevoll kümmert sich seine Schwester Gerti (Maresi Riegner) um ihn, doch wird sie ihn nicht retten können.

Eingeschoben in diese Szenen vom sich nahenden Tod sind Rückblenden in die letzten acht Lebensjahre Schieles, der mit seinen einerseits sehr lustvollen, andererseits in den Verkrümmungen der Körper oft auch morbiden Frauenakten die Gesellschaft der Donaumonarchie provozierte.

Treffend ist so durchaus der Untertitel des Films «Tod und Mädchen», der sich einerseits auf ein Bild Schieles bezieht, andererseits auch das Spannungsfeld des Films zwischen dem Sterben Schieles und seiner Kunst bezeichnet. Doch über diese beiden Pole kommt der Film leider nicht nur nicht hinaus, sondern bleibt auch bei diesen beiden Aspekten an der Oberfläche.

Nichts erfährt man über die Sozialisierung Schieles, wenig in die Tiefe geht Berner bei der angedeuteten inzestuösen Beziehung Schieles zu seiner Schwester Gerti. Auch die Gründe für das Aufbegehren der jungen Künstler gegen den etablierten Kunstbetrieb und die Kunstakademie werden nicht entscheidend verdichtet.

Ein Besuch im Prater, in dem Schiele bei den «Lebenden Bildern», bei denen nackte Frauen posieren und gegen Bezahlung auch danach noch dem männlichen Publikum zur Verfügung stehen, bleibt ebenso Episode wie ein Aufenthalt des Malers und seiner Künstlerfreunde im zweifellos fotogenen Krumau oder ein Treffen mit Gustav Klimt.

Handwerklich ist das durchaus solide gemacht. Licht- und Farbregie überzeugen und auch an den jungen Schauspielern gibt es nichts auszusetzen. Problem des Films ist die kraftlose Inszenierung. Berner bebildert den Roman – oder zumindest Szenen daraus – seiner Ehefrau Hilde Berger zwar ansprechend, lässt aber weder tiefer in Schieles Psyche blicken noch seine eigene Motivation für diesen Film spüren.

Mehr Behauptung bleibt Schieles Besessenheit von der Kunst, bleibt ebenso wenig erfahrbar wie das Interesse der Frauen für ihn. Szene für Szene und Frau für Frau von seiner Modell stehenden Schwester über die Afrikanerin Moa (Larissa Aimee Breidbach), die er im Etablissement im Prater findet, und Wally Neuzil (Valerie Pachner), die ihm Klimt überlässt, bis zur bürgerlichen Edith (Marie Jung), die er schließlich heiratet, wird abgehakt. Zu einem dramaturgischen Ganzen fügt sich der Film aber nicht, bleibt eine recht beliebige und sich nicht steigernde Abfolge einzelner Szenen.

Das Revolutionäre und Provokative, das die expressive Kunst des neben Gustav Klimt und Oskar Kokoschka bedeutendsten Vertreters der Wiener Moderne auszeichnete, fehlt diesem sorgfältig gestalteten Bilderbogen aber gerade völlig. Zwar zeigt Berner viel nackte Haut, doch nie geht er dabei an Grenzen, bleibt so keusch, dass der Film wohl nicht einmal zu Schieles Zeiten einen Skandal ausgelöst hätte, und ist auch inszenatorisch frei von Überraschungen, Eigenwilligem und Regelbrüchen.

Und während bei Schiele immer auch das Hässliche in die Gemälde und Zeichnungen hineinspielte, Lust und Tod zusammenfielen, trennt der Film die Ebenen konsequent. Jeder Schrecken und alles Hässliche ist den in warmes Licht und Farben getauchten Szenen der Malerei und seiner Aktmodelle ausgetrieben, Beklemmung gibt es hier nur in den in Grautönen gehaltenen Szenen auf dem Totenbett. – Ein sehr biederer Film über einen alles andere als biederen Künstler.

Läuft derzeit im Cinema Dornbirn
Filmforum Bregenz im Metrokino Bregenz: Do 8.12., 20 Uhr + Sa 10.12., 22 Uhr



Trailer zu «Egon Schiele - Tod und Mädchen»

weiterführende Links:

Egon Schiele - Tod und Mädchen

weiterführende Links:

Egon Schiele - Tod und Mädchen

ähnliche Beiträge:

Wiener Albertina zeigt Egon Schiele

artCore

Verein zur Förderung von
Online-Kulturberichterstattung
und Kunstpräsentationen im Internet

Kontakt

Schendlinger Straße 2, A-6900 Bregenz
T +43 (0)5574 85362
info@kultur-online.net

Kultur-Online Schweiz
T +41 (0)79 437 79 33
kapi@kultur-online.net

©artCore 2001-2016. Alle Rechte vorbehalten. Nutzung ausschließlich für den privaten Eigenbedarf. Eine Weiterverwendung und Reproduktion über den persönlichen Gebrauch hinaus ist nicht gestattet.