Risttuules – In the Crosswind

10.11.2016 Walter Gasperi

Martti Heldes Aufarbeitung der Deportation der und des Massenmordes an den Esten während des Stalinismus gehört zu den großen filmischen Entdeckungen der letzten Jahre. Das Meisterwerk, das in langen wortlosen Plansequenzen, denen Briefe der deportierten Erna Tamm unterlegt sind, leise, aber eindringlich den Schrecken dieser Zeit evoziert, ist bei good!movies auf DVD erschienen.


In bestechendem Schwarzweiß evozieren die ersten langen Plansequenzen das Glück einer jungen Familie in Estland. Leuchtend weiß blühen im Frühjahr 1941 die Apfelbäume auf einer idyllischen Wiese, liebevoll ist der Umgang von Ehefrau, Gatte und kleiner Tochter beim Frühstück. Bewegen sich die Personen in diesen ersten Szenen noch, so wird ihnen mit der Deportation diese regelrecht ausgetrieben.

Die Kamera fährt zwar in komplizierten Fahrten und Bewegungen Personengruppen ab und um sie herum, nähert sich bald den Gesichtern, um sich dann wieder zu entfernen, doch wie bei einem Dioarama wirken die Figuren erstarrt. Nicht groß inszeniert wird der Einbruch des Schreckens, sondern reduziert auf das Geräusch des Klopfens an eine Tür und von splitterndem Glas.

Schon Vorspanninserts informierten, dass Stalin am 14. Juni 1941 40.000 Esten, Letten und Litauer nach Sibirien deportieren ließ und die Briefe von Erna Tamm aus dem Lager an ihren Mann Heldur die Grundlage für diesen Film bildeten.

Teilweise illustrieren so die Bilder den Text, teilweise zeigen sie aber auch anderes, aber immer intensiviert diese hochartifizielle Gestaltung den Schrecken dieser Zeit, ohne je vorzugeben, ihn auch nur annähernd adäquat vermitteln zu können. Helde versucht nicht realistisch nachzuzeichnen, was nicht darstellbar ist, macht aber gerade durch die Distanzierung und Überhöhung eindringlich die Leiden eines ganzen Volkes - der Nachspann wird informieren, dass 590.000 Esten dem Stalinismus zum Opfer fielen - erfahrbar.

Erna Tamm haben wohl nur die Gedanken an ihren Mann und ihre Briefe die Kraft gegeben diese Zeit zu überstehen. Vom Abtransport auf einem LKW über die Verschleppung im Viehwaggon, bis zur harten Arbeit im sibirischen Lager und dem Tod der Tochter spannt Helde den Bogen.

Ausschnitthaft zeichnet der Este nicht nur die über zehnjährige Lagerhaft nach, sondern verdichtet sie durch Reduktion auf markante Szenen. In diesen statischen Tableaux vivants vermittelt Helde einerseits die Zeitlosigkeit des Lagerlebens und entzieht den Film der Historisierung, fixiert andererseits das Vergangene, lässt es als gegenwärtig erscheinen und entreißt es dem Vergessen.

Da reicht eine Einstellung der trauernden Mutter vor einem Kreuz im Birkenwald, um den Schmerz über den Verlust der Tochter zu vermitteln, eine Plansequenz mit dem Vorsteher der Kolchose in Unterhose und der am Boden liegenden Frau, um eindringlich von sexueller Ausbeutung zu erzählen.

Gewalt sieht man hier freilich nie, nur im Kopf des Zuschauers kann und muss sie sich einstellen, wenn man Soldaten sieht, die sich zwar nicht bewegen, aber ihre Gewehre auf ihre Opfer richten. Ebenso bekommt man eine ansatzweise Ahnung von den Strapazen und Entbehrungen, wenn man die endlose Schneewüste sieht und Erna im Brief festhält, dass es wohl noch nie Gefangene mit so viel Raum gab, sodass man sich geradezu nach Grenzen sehne.

Keinen Dialog gibt es hier, nicht nur erstarrt, sondern auch verstummt scheinen die Menschen. Neben den Briefen der Überlebenden, durchbrechen einzig wenige Radionachrichten, wie die über die harte Bestrafung von Überläuferin oder die von Stalins Tod sowie bei der Fahrt ins Lager das Rattern des Zuges oder im Lager das Pfeifen des Windes sowie ein melancholischer Tango die Stille.

Unübersehbar ist in den spektakulären Plansequenzen das Vorbild Andrej Tarkowskij, doch nie werden diese spektakulären Kamerabewegungen selbstzweckhaft, stehen immer im Dienst des Inhalts und machen «Risttuules – In the Crosswind» zu einem großen, aber ruhigen Klagegesang, der gerade in seiner Stille laut schreit und lange nachwirkt.

Die bei good!movies erschienene DVD verfügt als Sprachversion über die estnische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. An Extras bietet die DVD neben diversen Trailern zu anderen Titeln dieses Labels ein etwa 20minütiges, englisch untertiteltes Making of.

Trailer zu «Risttuules - In the Crosswind»

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