American Honey

18.10.2016 Walter Gasperi

In ihrem ersten amerikanischen Film schickt die Britin Andrea Arnold eine junge Frau auf der Suche nach einem Platz im Leben mit einer Gruppe von Outsidern durch den amerikanischen Mittelwesten. – Raues, energetisches Kino, das sich in keine Schublade pressen lässt und auch durch seinen ganz eigenen Blick auf die Menschen und das Land fasziniert.


Im Müllcontainer sucht die junge Star (Sasha Lane) nach Essbarem. Hautnah ist die Handkamera von Robbie Ryan an ihr dran, bewegt sich ganz selbstverständlich mit ihr. Nicht sorgfältig kadrierte Einstellungen gibt es hier, sondern auch mal unscharf und wacklig dürfen die Bilder sein, quasidokumentarisch sollen das Leben und die Gefühle eingefangen werden.

Dieser Kamerastil schafft zusammen mit dem fast quadratischen alten Fernsehformat, das den Blick einengt, nicht nur Nähe zu den Figuren, sondern erzeugt auch von Anfang an einen Sog, involviert den Zuschauer, lässt ihn direkt teilhaben statt ihn zum distanzierten Beobachter zu machen.

Einem rothaarigen Jungen, der neben dem Container steht, wirft Star ein verpacktes Hühnchen zu, mit ihr im Container sucht ein Mädchen. Offen bleibt nicht nur, in welchem Verhältnis Star zu diesen Kindern steht, sondern auch wie sie zu dem Mann steht, der sie zu Hause bedrängt: Sind die Kinder ihre Geschwister, der Mann ihr Vater?

Auf dem Supermarktparkplatz, auf dem der Container steht, erregt auf jeden Fall ein Kleinbus mit ausgeflippten jungen Erwachsenen Stars Aufmerksamkeit. Wenn sie Jake (Shia La Beouf) erblickt, ist sie sofort fasziniert. Die Kamera wechselt nicht nur hier, sondern konsequent während der folgenden gut 160 Minuten zwischen Blicken auf Star und Blicken aus ihrer Perspektive. Mit den Augen dieser jungen Frau, die in jeder Szene präsent ist, nimmt der Zuschauer die Welt wahr und taucht mit ihr in die Handlung ein.

Durch den Blick auf sie lernt er aber auch gleichzeitig ihre Unsicherheit, ihre Sehnsüchte und Träume kennen. Gesteigert werden die Gefühle dabei immer wieder durch einen phänomenalen Soundtrack von Rihannas (und Calvin Harris`) «We Found Love in a Hopeless Place» über Bruce Springsteens «Dream Baby Dream» bis zu treibenden Rap-Songs und natürlich dem Titel gebenden «American Honey» von Lady Antebellum.

Die Begegnung mit diesen jungen Erwachsenen, die in ihrem Kleinbus von Stadt zu Stadt fahren, um Zeitungsabonnements zu verkaufen, weckt bei Star den Wunsch aus ihrem Milieu auszubrechen. Sie schließt sich der Gruppe an, die jeden Morgen von ihrer Chefin Krystal (Riley Keough) wie eine organisierte Bettlerbande ausgeschickt wird, um Verträge abzuschließen, die abends zusammen mit dem eingenommenen Geld abgegeben werden müssen.

Arnold, die mit «American Honey» nach «Fish Tank» ein weiteres vibrierendes und vor Energie strotzendes Porträt einer Jugend auf der Suche nach ihrem Platz im Leben vorlegt, entwickelt keine stringente Dramaturgie, sondern lässt den Film mäandern. Die Britin erzählt zwar auch von Stars Kampf um die Liebe zu Jake und dem Konflikt mit der knallharten Krystal, aber vor allem vom amerikanischen Mittelwesten, der dieser Generation keine Perspektiven bietet.

Ein «Easy Rider» fürs 21. Jahrhundert ist dies. Die große Bedeutung der Musik verbindet «American Honey» mit diesem Klassiker ebenso wie der desillusionierte Blick auf Amerika. Weit und vielversprechend mag da zwar das Land immer noch in den Blicken durch die Scheiben des Kleinbusses wirken, aber gleichzeitig schafft einerseits die Scheibe Distanz, andererseits engt das Fernseh-Format die Landschaft schon wieder ein.

Und jede Fahrt endet für die Gruppe in einem schäbigen Motel, in dem sie den Abend mit exzessiven Partys verbringt, und einem einem gesellschaftlichen Umfeld, von dem sich diese jungen Erwachsenen losgesagt haben. Einen Querschnitt durch den amerikanischen Mittelwesten führt Arnold hier wie an einer Perlenkette aufgereiht vor.

Der Bogen spannt sich von der evangelikalen Mutter in ihrem properen Vorstadthaus mit gepflegtem Garten bis zu den Arbeitern auf einem Ölfeld und von Superreichen, die in Villa mit Pool und Pferdekoppel leben, bis zu Vorstädten, in denen kleine Kinder in der zugemüllten Wohnung auf sich gestellt sind, weil die Eltern den Drogen verfallen sind.

Desolat ist das Bild, das Arnold von Amerika - oder zumindest vom Mittelwesten, dem Heartland der USA, zeichnet, doch an ihre jungen Erwachsenen, denen sichtlich ihre Sympathie gehört, glaubt sie. Echtheit gewinnen diese durch die jungen und unverbrauchten Schauspieler – teilweise handelt es sich um Laien – ebenso wie durch die rohe Erzählweise, die sich auf die Gefühle einlässt, diese durch Kamera, Licht und Schnitt nach außen kehrt, statt in Hollywood-Manier alles glättet.

Ganz auf Star fokussiert Arnold zwar, blass bleiben – Jake und Krystal ausgenommen – die anderen Mitglieder der Gruppe dagegen, doch spüren kann man, dass die anderen ähnliche Beweggründe und Gefühle antreiben. Für eine ganze Generation stehen damit Star und ihre Träume von Freiheit, die in Blicken auf Vögel oder ein Flugzeug zum Ausdruck kommen, und nach einer anderen Zukunft, die sie ganz ähnlich wie Jake beschreibt.

Diese brennenden Sehnsüchte sorgen dafür, dass dieser rohe Diamant von einem Film nie in Verzweiflung versinkt. Bis zum offenen Ende, an dem auch ein Versinken und quasi eine Wiedergeburt Stars stehen, und darüber hinaus hält «American Honey» so an der Hoffnung auf eine Veränderung fest. Und genau dieser Widerspruch zwischen der Realität und den Möglichkeiten, die die Welt und das Leben böte, macht Arnolds US-Debüt zu einem so aufregenden Film, der eben nicht rund sein will, sondern durchaus auch Brüche aufweist, aber mit seiner Energie locker über fast drei Stunden fasziniert und mitreißt.

Läuft derzeit im TaKino Schaan und im St. Galler Kino Rex (engl. O.m.U.)

Trailer zu «American Honey»

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