Bibliotheken als Kreativwerkstätten

09.10.2016 Haimo L. Handl

Viele Bibliotheken oder Büchereien bemühen sich verzweifelt, vor allem junge Leserinnen als Besucher zu gewinnen, indem sie ihr Animationsprogramm erweitern. Den Trends aus den USA folgend werden mancherorts sogenannte Makerspaces eingerichtet, angeschlossene Werkstätten, wo Leser nicht mehr lesen, sondern tun, nämlich werkeln an teuren 3D-Druckern oder anderen Maschinen. Es gehe um eine Steigerung des DIY, des „do it yourself“. Für viele klingt das nicht nur gut, sondern verspricht eine Erweiterung des Programms, eine willkommene Messbarkeit der Nützlichkeit ihrer Einrichtung, eine Steigerung der Bildungsaufgabe und dergleichen mehr.


Die Bibliothek als Kreativwerkstatt, in der etwas getan und gestaltet wird. Vorläufer dieser Entfremdungspolitik waren Schwerpunkte wie Handarbeitskurse, Bauchtanzgruppen, Kochnischen, Trainingsstätten für erwünschtes Sozialverhalten usw. All dies aber wertet die eigentliche Funktion und Aufgabe ab: Lesen. Lesen (und Denken) genügt nicht, es muss einem oberflächlichen Nutzendenken folgend etwas getan und unternommen werden. Die Büchereien und Bibliotheken betrügen sich und das Publikum, indem sie sich zu Trainingsstätten wandeln, nur um Besucher zu erhalten und ein vielfältiges Programm vorlegen zu können.

Das ist bezeichnend für die im Kern lesefeindliche Ausrichtung. Über Techniken wird das Lesevermögen, die Freude am eigenen Denken, weiter geschwächt. Die Animation und „Führung“ hat nicht mehr die Lektüre im Blickfeld, sondern die Gruppenbeschäftigung, deren Ergebnisse messbar sind. Aufmerksame Leser liefern keine direkt messbaren Ergebnisse ihrer Leseabenteuer, ihres Wissenserwerbs, ihrer Gedankenwelten. Es geht aber um Messungen, um Vergleiche, um direkte Ergebnisse (wie im Sport). Damit wird das Denken, das Gestalten eigener Gedankenwelten aufgrund von Lektüren be- und verhindert. Falsche Vorbilder werten das Lesen ab und die Bibliothek dazu.

Der Büchereiverband Österreich, eine vom Bund finanzierte Einrichtung, bemüht sich denn auch über seine Zeitschrift „Büchereiperspektiven“ diesen Trend zu propagieren. In der jüngsten Ausgabe heißt es z. B.: „Bibliotheken können zum Kommunikationsort und gesellschaftlichen Raum werden, wenn sie einen Platz und – im Rahmen ihrer Möglichkeiten – Tools anbieten.“ Das heißt aber nur, dass Bibliotheken, die keine Tools anbieten und entsprechende Trainingsstätten, keine Kommunikationsorte sind bzw. bisher keine gesellschaftlichen Räume haben werden können. Denn dafür bedarf es der Makerspaces und Werkstätten. „Bei finanzieller und räumlicher Möglichkeit kann aber auch ein Teil der Bibliothek zu einem Treffpunkt für SelbermacherInnen werden – so wird Unterhaltung und Informationsaustausch geboten – die Bibliothek wird zum zweiten Zuhause und zu einem Raum, der Kreativität zulässt und fördert.“

An die Grundlagen von jeder Kreativität, den Erfahrungshintergrund und das Denkvermögen, wird hier nicht gedacht. Hier gilt der „Ort des Machens“. So heißt es denn auch „In Öffentlichen Bibliotheken kommt dieser zwanglose Raum zum Einsatz, der sich dem Gestalten und Machen widmet.“ Denken und lesen ist nicht machen. Was soll das Geschwätz vom „zwanglosen Raum“? Sind oder waren die bisherigen Buchräume zwanghafte? Wahrscheinlich sind nur die von Büchern gereinigten Räume mit Werkbänken und Maschinen „zwanglos“, die gesuchten Stätten für „Erlebnis- und Gestaltungsräume“ für einen „gewinnbringenden“ Bibliotheksalltag. Hier haben wir es: Gewinn, ein anderer Ausdruck für Profit, ist das Ziel. An diesem pervertierten Danken krankt nicht nur dieses Bibliothekswesen, sondern unsere Bildung. Die Büttel folgen willig dem ökonomischen Diktat.

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