Die Insel der besonderen Kinder

11.10.2016 Walter Gasperi

Außenseiter, schräge Figuren und fantasievolle Märchenwelten – das sind die Konstanten im Werk von Tim Burton. Eine ideale Vorlage war für ihn somit Ransom Riggs 2011 erschienener Roman und der Kalifornier machte daraus einen für ihn typischen, visuell einfallsreichen und atmosphärisch starken Fantasy-Film.


Ob «Edward mit den Scherenhänden» (1990) oder der dilettantische Filmregisseur in «Ed Wood» (1994), ob der Teenager und der Millionär in «Charlie und die Schokoladenfabrik» (2005) oder die Malerin Margaret Keane in «Big Eyes» (2005) - immer wieder sind es Außenseiter, die Tim Burton in den Mittelpunkt seiner Filme stellt. Ihnen gehört die Liebe des Kaliforniers, der in der Jugend selbst ein Außenseiter war.

Auch der Teenager Jacob (Asa Butterfield) ist ein Außenseiter, findet in der Kleinstadt in Florida keinen Anschluss an Gleichaltrige. Seine wichtigste Bezugsperson ist sein Großvater (Terence Stamp), der ihm von Kindheit an Geschichten von seltsamen Kindern auf einer Insel vor Wales erzählte. Als der Großvater stirbt, bleibt der Junge, der an einen Mord glaubt, schwer geschockt zurück, sodass die Therapeutin dem Vater empfiehlt mit Jacob die Insel aus den Geschichten des Großvaters aufzusuchen.

Von der amerikanischen Vorstadt wechselt die Handlung so nach Europa, an die Stelle der eingeschossigen Eigenheime und gepflegten Gärten treten die raue Atlantikküste und ein hoch ragendes Kinderheim als Schauplätze. Während eines Bombenangriffs 1943 wurde es zwar zerstört, doch die hier lebenden besonderen Kinder kehren unter Leitung von Miss Peregrine (Eva Green) mittels Zeitschleife immer wieder in die Zeit vor der Zerstörung zurück.

Auch Jacob dringt in diese Welt ein und wird in die Gruppe des superstarken Mädchens, Emmas (Ella Purnell), die leichter als Luft ist und deshalb Bleischuhe tragen muss, um nicht davonzufliegen, des unsichtbaren Millard und weiterer Kinder mit speziellen Fähigkeiten aufgenommen. – Eine Superheldentruppe aus Kindern ist das quasi und auch Jacob wird schließlich seine spezielle Fähigkeit entdecken.

Er wird nicht nur aktiv werden müssen, um die Gruppe vor dem verbrecherischen Barron (Samuel L. Jackson) zu schützen, sondern auch die anderen Kinder werden sich unter seiner Führung ihrer Kräfte besinnen, werden erkennen, dass sie gemeinsam auch einen scheinbar übermächtigen Feind besiegen können.

Ganz bei sich und in seiner Welt ist Tim Burton bei diesem Film und in jeder Szene ist seine Begeisterung für diesen Stoff spürbar. Aus dem Vollen schöpfen können hier die Kostümbildnerin Colleen Atwood und der Ausstatter Gavin Bocquet, können eine Welt schräger Figuren und starker Schauplätze schaffen. Freien Lauf kann Burton seiner Fantasie lassen, kann Jacob Emma wie einen Luftballon an der Leine hinter sich herziehen, ein anderes Kind Karotten wachsen lassen und lässt auch Eva Green Raum für eine eindrucksvolle Darstellung der Pfeife rauchenden Miss Peregrine.

Wesentlich tragen auch Kameramann Bruno Delbonnel mit seinen von dunklen Farben dominierten Bildern und der Soundtrack von Michael Higham und Matthew Margeson zu einer dichten und geschlossenen Atmosphäre bei, die den Zuschauer in diese Welt eintauchen lässt.

Wenig überzeugend und überflüssig ist allerdings die Verknüpfung der Geschichten des Großvaters mit seinen Erfahrungen als polnischer Jude in der Nazizeit. Eher hemmend als förderlich ist es, dass seine Geschichten von den Erwachsenen als Verarbeitung seiner Traumata erklärt werden.

Der Rhetorik von Superhelden- und Actionfilmen folgt die Handlung zwar mit der Bedrohung durch einen Bösewicht und einem langen finalen Showdown. Doch auch hier wird «Die Insel der besonderen Kinder» nicht formelhaft, sondern kann mit originellen Ideen bis zum Ende für eine sichere Balance zwischen Spannung und Witz, zwischen sanftem Horror und Poesie sorgen.

Mögen aber auch Kinder im Zentrum des Films stehen, so ist der Film an sich für Kinder kaum geeignet: Zu abgründig ist die Welt Burtons, zu groß ist seine Lust an Bizarrem, aber im lustvollen und ungezügelten Ausleben dieser Fantasien besteht gerade auch die Stärke dieses Films, mit dem Burton an seine besten Arbeiten anknüpft.

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