Cinema Italiano 2016: Am Wendepunkt

31.10.2016 Walter Gasperi

Tradition ist inzwischen, dass Cinelibre in Zusammenarbeit mit dem Verein Made in Italy jeden Herbst fünf Filme in die Schweizer Kinos bringt, die keinen offiziellen Verleih gefunden haben. Der Bogen spannt sich bei der achten Auflage dieses Tourneefestivals von der temporeichen Komödie bis zum an Pasolini erinnernden Blick auf das Subproletariat und vom turbulenten Frauenfilm bis zum lichtdurchfluteten sommerlichen Inselfilm.


185 Filme wurden laut Cineuropa 2015 in Italien produziert oder koproduziert. Nur ein Bruchteil davon findet in den deutschsprachigen Ländern einen Verleiher. Deshalb versuchen Cinelibre und Made in Italy in der Schweiz mit ihrem Tourneefestival einen erweiterten Einblick in die Vielfalt des italienischen Filmschaffens zu bieten. Breitgefächert soll das Angebot sein, für möglichst viele Zuschauerschichten soll etwas dabei sein.

Zum echten Crowd-Pleaser entwickeln könnte sich Edoardo Falcones Komödie «Se Dio vuole» entwickeln. Im Zentrum steht der von sich selbst überzeugte, arrogante Herzspezialist Tommaso. In der Klinik kommandiert er seine Mitarbeiter ebenso herum, wie zu Hause seine Familie. Wenn er durch die Gänge schreitet, weicht auch die Kamera vor ihm zurück. Gesellschaftlich gibt er sich freilich tolerant. Keine Probleme hätte er damit, wenn sich sein Sohn Andrea, der offensichtlich ein Geheimnis mit sich herumträgt, als schwul outen würde. Doch dass er Priester werden will, ist für den atheistischen Vater zu viel.

Ist schon die Ausgangssituation originell, so dreht Falcone nun in rasantem Tempo und mit perfektem Timing weiter an der Schraube. Er lässt einerseits den Vater alles unternehmen, um den Sohn von seinem Entschluss abzubringen, andererseits aber auch die bislang unterdrückte Gattin und die verheiratete Tochter neue Wege gehen.

Mit stets neuen Wendungen, schnellen Dialogen und bestens aufgelegten Schauspielern sorgt Falcone dafür, dass bei der knappe 85 Minuten langen Komödie kein Leerlauf aufkommt. Auch vor klamaukigen Szenen schreckt der Regiedebütant nicht zurück, lässt den Zuschauer mit seinem Plädoyer für das Überdenken festgefahrener Lebenswege aber auch nachdenklich zurück.

Auf einen Tag in einem Landhaus in Apulien konzentriert sich dagegen Cristina Comencini in «Latin Lover». Hier versammeln sich anlässlich des 10. Todestags des fiktiven Schauspielers und Frauenschwarms Saverio Crispo seine fünf Töchter sowie seine italienische und seine spanische Ex-Frau. Wie zu erwarten brechen bald Rivalitäten und Eifersüchteleien aus, aber es werden auch Geheimnisse um den Verstorbenen gelüftet und die Damen erkennen, dass sie sich von diesem mythischen Übervater, der immer noch ihr Leben bestimmt lösen müssen.

Comencini bietet mit diesem Frauenfilm nicht nur eine Plattform für Stars wie Valeria Bruni-Tedeschi, Virna Lisi und Marisa Paredes, sondern legt auch eine liebevolle Hommage an eine längst vergangene Epoche des Kinos vor. Denn witzig wird da einerseits in einer Szene der Stil des Italo-Western kopiert, andererseits in Ausschnitten aus den Filmen des Verstorbenen an die italienische Komödie der 1950er Jahre ebenso wie an das sozialkritische Kino der 1960er und 1970er Jahre erinnert.

An die Filme Pier Paolo Pasolinis knüpft dagegen Claudio Caligari mit seinem in den 1990er Jahren spielenden «Non essere cattivo» («Tu nichts Böses!») an. Der im Mai 2015 im Alter von 67 Jahren verstorbene Regisseur erzählt darin von zwei befreundeten jungen Männern, die sich in Ostia mit dem Verkauf von Drogen durchschlagen. Sie träumen von Glück und großen Reichtum, doch gering sind die Chancen aus ihrem subproletarischen Milieu zu entkommen. Während Cesare so immer mehr in die Kriminalität abdriftet, versucht Vittorio einen Job zu finden und eine bürgerliche Existenz aufzubauen.

Neue filmische Wege beschreitet Caligari nicht, überzeugt aber mit geradliniger Erzählweise, treffend gezeichneten und überzeugend gespielten Figuren sowie stimmiger und dichter Verankerung der Handlung in einem geographischen und gesellschaftlichen Milieu, das es so heute längst nicht mehr gibt.

Auf die Schattenseiten der italienischen Gesellschaft blickt auch Marco Tullio Giordana, der zu Beginn des Jahrtausends mit dem Mafiafilm «I cento passi» und der mehrere Jahrzehnte umspannenden Familienchronik «La meglio gioventù» zwei herausragende Filme des italienischen Kinos schuf. In seinem fürs Fernsehen gedrehten Spielfilm «Lea» erzählt der Mailänder nach einer wahren Begebenheit von Lea Garofalo.

Aufgewachsen in einer kriminellen Familie, begann sie mit der Justiz zusammenzuarbeiten, um ihrer Tochter ein anderes Leben zu ermöglichen. Ein strenger Zeugenschutz sollte Mutter und Tochter gegen die Rache der Familie schützen, doch bald wurde der Schutz aus bürokratischen Gründen entzogen.

Deutlich leichtere Töne als Giordana in seinem nüchternen Porträt einer starken Frau schlägt Gianfranco Cabiddu in «La stoffa dei sogni» an. Dramatisch beginnt es zwar mit einem Sturm auf hoher See. Sowohl eine mittelmäßige Theatergruppe als auch gefährliche Mitglieder der Camorra bangen an Bord eines Schiffes um ihr Leben.

Bald sinkt das Schiff auch, doch alle können sich auf die nördlich von Sardinien gelegene kleine Insel Asinara retten, die mit ihrem strahlend blauen Himmel und dem klaren türkisen Meer Urlaubsstimmung evoziert. Hierher hätten auch die Verbrecher verlegt werden sollen, doch nun kann sie der Gefängnisdirektor nicht von den Schauspielern auseinanderhalten. Um Klarheit zu gewinnen, lässt er deshalb alle Schiffbrüchigen Shakespeares «Der Sturm» inszenieren.

Die Handlung mag etwas dahinplätschern, doch Reiz entwickelt dieser eigenwillige Film nicht nur durch die prächtigen Landschaftsaufnahmen, sondern auch durch die originellen Parallelen zwischen der Handlung und Shakespeares berühmtem Stück.

So unterschiedlich somit die fünf Filme, die beim heurigen Tourneefestival gezeigt werden, sein mögen, so verbindet sie doch die Fokussierung auf Menschen, die an Wendepunkte ihres Lebens kommen. Denn wie in «La stoffa dei sogni» die Tochter des Gefängnisdirektors eine Entscheidung trifft und sich von ihrem Vater löst, so beginnen auch die Frauen in «Latin Lover», der Herzspezialist in «Se Dio vuole», einer der beiden jungen Männer in «Non essere cattivo» und Lea ihr Leben zu überdenken und – in einem Fall auch mit tragischem Ausgang - einen Neubeginn zu wagen.

weiterführende Links:

Cinema Italiano 2016

  • Se dio vuole (Edoardo Falcone)
  • Latin Lover (Cristina Comencini)
  • Non essere cattivo (Claudio Caligari)
  • Lea (Marco Tullio Giordana)
  • La stoffa dei sogni (Gianfranco Cabiddu)
weiterführende Links:

Cinema Italiano 2016

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