Und wenn irgendwie möglich: Höre dir keine Vivaldi-Aufnahme an?

05.10.2016 Rosemarie Schmitt

Da stellt sich mir die Frage, wie schafft es dieses Ensemble, eines der meist gehörten Werke (auch zwangsweise, in Kaufhäusern oder Autobahnraststätten), so neu, spannend und unverbraucht erklingen zu lassen?


Dabei haben Ars Antiqua Austria und Gunar Letzbor bisher den Kompositionen Vivaldis wenig Beachtung geschenkt. Und jetzt ausgerechnet die Vier Jahreszeiten?! Ich weiss nicht genau, wie viele unterschiedliche Einspielungen ich von diesem Werk in meiner Sammlung habe. Und, ehrlich gesagt, dachte ich: Och nööö, nicht schon wieder eine ...! Doch dann habe ich sie mir angehört. Ich bin derart überrascht, höre soviel, was ich bei allen Aufnahmen der Vier Jahreszeiten, die ich bisher hörte, nie wahrgenommen habe.

Ja, wie haben sie das geschafft? Im CD-Booklet erklärt es Gunar Letzbor, der Gründer von Ars Antiqua Austria: «Die Antwort scheint so simpel: Übe in Ruhe und Frieden, probiere verschiedene Klänge aus, nimm dir die Zeit neue Ideen zu entwickeln und hab den Mut sie auch wieder auszusortieren. Vertiefe dich in den Text und entdecke die Melodien wieder. Und wenn irgendwie möglich: Höre dir keine Vivaldi-Aufnahme an!»

Dieses Ensemble, ja, jedes Barockensemble tut gut daran, auf ihn zu hören, denn Letzbor ist einer der begehrtesten Lehrer für Barockvioline! Das hat seinen Grund. Seinen guten, nein, sehr guten Grund! Sie werden mir nicht widersprechen, wenn Sie ein Orchester unter seiner Leitung je gehört haben. Er hat die gleiche Stärke, über die auch Antonio Vivaldi verfügte: Sie beide verstehen es, die Instrumente zum Klingen zu bringen.

«Die Strukturen der Dreiklangzerlegung, der Tonleiter, der Sequenz und der Tonwiederholung sind alle dazu angetan, die Klanglichkeit des Instrumentes zu erhöhen. (...) Vivaldis Hauptinstrument ist die Geige. Er schafft es, sie in technischer Sicht voll auszunutzen, ohne dass sich klangliche Einbußen aus den enormen technischen Anforderungen ergeben. Hier treffen wir uns als Lehrer und als Musiker zugleich. Inzwischen habe ich mit Vivaldi noch größere Freundschaft geschlossen. Es gibt ja noch so viel bei ihm zu entdecken, abseits von den Mainstreamklängen.» (Gunar Letzbor)

Oh ja, ich bitte Sie von Herzen, Herr Letzbor, machen Sie weiter. Gehen Sie auf Entdeckungsreise und lassen Sie uns hören, was Vivaldi mit seiner Musik sagen wollte!

Gunar Letzbor sagt, dass es heute fast ein Ding der Unmöglichkeit ist, Vivaldis Musik ohne Voreingenommenheit zu interpretieren. Seine Musik ist zu allgegenwärtig. Einer, dessen Kompositionen nicht allgegenwärtig sind ist ein Zeitgenosse und wahrscheinlich ein Schüler Vivaldis: František Jiránek. Er war, ist und bleibt vermutlich ein Unbekannter. Und eben dies wird einer der Gründe sein, weshalb Letzbor und sein Ensemble sich für die Einspielung des Violinkonzertes in D-Moll entschieden haben, die Sie im Anschluss an die Vier Jahreszeiten hören. Nur ja nichts aus Gewohnheit machen, möglichst viele Interpretationsmöglichkeiten ausprobieren, unkonventionelle Ansätze zulassen, das ist, was Gunar Letzbor anstrebt (und schafft!), was bei einem unbekannten Werk sicherlich einfacher umzusetzen ist.

Ich wünsche Ihnen einen wunderbaren Herbst, einen spannenden Winter, einen fröhlichen Frühling und einen der schönsten Sommer! Vier Jahreszeiten voller Überraschungen eben!

Antonio Vivaldi / The four Seasons und František Jiránek / Violinkonzertes in D-Moll
Format: Hybrid SACD / Label: Challenge (in-akustik)

Und wenn irgendwie möglich: Hören Sie sich diese Vivaldi-Aufnahme an!

Herzlichst,
Ihre Rosemarie Schmitt

  • Foto: Rosemarie Schmitt
  • Ars Antiqua Austria; Foto: Brendon Heinst
  • Gunar Letzbor

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