"It´s a Sad and Beautiful World" – Die Filme von Jim Jarmusch

17.10.2016 Walter Gasperi

Der 1953 in Akron, Ohio geborene Jim Jarmusch ist DIE Ikone des unabhängigen US-Kinos. Seit nunmehr 36 Jahren dreht er seine durch Minimalismus und Lakonik unverwechselbaren Filme, von Hollywood ließ er sich nie kaufen. Keinen Glamour gibt es in seinen bislang zwölf langen Spielfilmen, im Mittelpunkt stehen oft antriebslose Männer, die vielfach erst wieder durch einen äußeren Impuls zum Leben finden. Das Zürcher Kino Xenix, das Stadtkino Basel und das Berner Kino Rex widmen Jarmusch derzeit eine Retrospektive.


«Lost in Space» heißt nicht nur die dritte und letzte Episode von Jarmuschs «Mystery Train» (1989), sondern dieser Titel beschreibt auch die Befindlichkeit vieler Helden des Amerikaners. Frauen spielen in seinen Filmen fast nur Nebenrollen, im Zentrum stehen Männer auf der Suche nach Heimat und Geborgenheit in einem Amerika, das ihnen fremd ist.

Stillstand kennzeichnet das Leben dieser Helden. Jarmusch überträgt diese Lethargie und Stagnation mit langen statischen Einstellungen direkt in die Form seiner Filme. Diametral entgegengesetzt zum Hollywood-Kino zeigt er nicht Handlungen, baut nicht mit Schnittkaskaden Spannungsbögen auf, sondern zerstört die Narration geradezu, indem er einzelne Szenen durch lange Ab- und Aufblenden oder Schwarzblenden voneinander trennt. Action mögen andere Filme bieten, Jarmusch zeigt die Ruhepausen dazwischen. Er zeigt die Momente, in denen sich die Figuren gegenübersitzen und sich im Grunde nichts zu sagen haben.

Fremd sind sich die Jarmusch-Helden und fremd ist ihnen die Welt, in die sie hineingeworfen sind. Ziellos streift schon der junge Protagonist in Jarmuschs erstem Spielfilm «Permanent Vacation» (1980) durch Lower Manhattan. New York in «The New World», dem ersten Kapitel von «Stranger than Paradise» (1984), ist ebenso wenig ein Ort des Glücks wie das winterliche Florida in «Paradise», dem letzten Kapitel des gleichen Films.

Von einem tristen New Orleans in die Hölle eines Gefängnisses und dann durch die Sümpfe Louisianas führt «Down by Law» (1986). Verloren sind die japanischen Touristen, eine Italienerin und ein Brite in der Elvis-Stadt Memphis in «Mystery Train» (1989). Ein Fremdkörper ist auch der aus Cleveland kommende Buchhalter William Blake (Johnny Depp) im rauen Westen von «Dead Man» (1995), während dem literarisch interessierten Schwertkämpfer in «Ghost Dog – Der Weg des Samurai» (1999) für Comics schwärmende italienische Mafiosi gegenüber stehen.

In «Only Lovers Left Alive» (2013) hat der Verfall der menschlichen Kultur den Vampir Adam, der im desolaten Detroit lebt, längst in tiefste Schwermut fallen lassen, einzig der Augenblick zählt in «The Limits of Control» (2009), während die Reise des afroamerikanischen Killers durch Spanien von Leere und Sinnlosigkeit gekennzeichnet ist.

Immer wieder treffen unterschiedliche Kulturen aufeinander, und das Thema der Unfähigkeit zur Kommunikation zieht sich durch viele Jarmusch-Filme. Die aus Ungarn ankommende Eva kann sich mit ihrem lethargischen, in New York lebenden Cousin Willie in «Stranger than Paradise» ebenso wenig unterhalten wie der Discjockey Zack (Tom Waits) und der Zuhälter Jack (John Lurie) in «Down by Law» mit dem italienischen Touristen Roberto (Roberto Benigni).

Von Missverständnissen bestimmt ist auch die Kommunikation zwischen dem aus Ostdeutschland immigrierten New Yorker Taxifahrer Helmut (Armin Mueller-Stahl) in «Night on Earth» (1991) und seinem schwarzen Fahrgast YoYo (Giancarlo Esposito) oder die von William Blake mit dem Indianer Nobody (Gary Farmer) in «Dead Man».

Und doch kommt dann immer etwas in Bewegung, rütteln speziell Europäer die antriebslosen Amerikaner auf: In «Stranger than Paradise» bewirkt Eva durch ihre bloße Präsenz, dass Willie, den sie zunächst nur stört, aktiv wird, während sich in «Down by Law» unter dem Einfluss des vor Vitalität sprühenden Italieners Roberto seine Zellengefährten Zack und Jack wandeln.

Spätestens, wenn sich aus einem sprachliches Missverständnis um «ice cream» «I scream» entwickelt, weicht die Tristesse Lebensmut. Am Ende kann dann sogar ein Happy-End «like in a book for children» stehen. Von selbst versteht sich, dass die Filme Jarmuschs wegen dieser Sprachspiele und dem Aufeinanderprall unterschiedlicher Kulturen nicht synchronisierbar sind.

Dass Jarmusch das Episodische liegt, dass sein Werk der Kurzgeschichte verwandter ist als dem Roman, zeigt sich in allen Filmen. «Stranger than Paradise» bestand zuerst nur aus dem 30-minütigen ersten Kapitel. Erst nach der positiven Resonanz auf diesen Kurzfilm bei den Festivals von Hof und Rotterdam fand Jarmusch Geldgeber, um auch die anderen zwei Kapitel des insgesamt 110.000 Dollar teuren Films drehen zu können.

Hat «Stranger than Paradise» eine explizite Gliederung in Kapitel, in denen sich eine Entwicklung vom Stillstand zu einem neuen Aufbruch vollzieht, so findet sich diese Gliederung und Entwicklung in «Down by Law» implizit. Das Episodische kennzeichnet aber auch «Dead Man», in dem Johnny Depp als William Blake beinahe alle Stationen eines klassischen Western durchläuft, «Broken Flowers» (2005), in dem Bill Murray eine verflossene Geliebte nach der anderen besucht, oder «The Limits of Control» (2009). Hier wird der namenlose, von Isaach De Bankolé stoisch gespielte Killer von Station zu Station und damit von Star zu Star geschickt. Keinen stringenten Handlungsaufbau gibt es und ohne größere Eingriffe könnte die Abfolge der einzelnen Szenen auch verändert werden.

Tristesse kennzeichnet Milieu und Befindlichkeit der Figuren und dennoch entwickeln Jarmuschs Filme durch die lakonische Inszenierung und den distanzierten, aber genauen Blick für minimale Gesten und Handlungen Witz. Das äußere Geschehen ist dabei vielfach nur Anlass um Menschen in Szene zu setzen. Seine beiden Episodenfilme «Night on Earth» sowie «Coffee and Cigarettes» sind gänzlich reduziert auf Gespräche in Taxis beziehungsweise Cafés.

Während die elf Episoden von «Coffee and Cigarettes» (2003) im Laufe von 17 Jahren entstanden, sich aber mit Fortdauer des Films wiederkehrende Motive herauskristallisieren, war «Night on Earth» von vornherein als Episodenfilm konzipiert. Die Gleichzeitigkeit verbindet hier die fünf Taxifahrten in fünf Weltstädten wie das zeitliche Nebeneinander die drei hintereinander erzählten Episoden von «Mystery Train» verbindet. Doch es sind eben nur Zufälle wie ein Schuss oder Elvis´ «Blue Moon» im Radio, die in «Mystery Train» Verbindungen herstellen. Im Grunde bleiben die drei Personengruppen isoliert und es kommt zu keiner Kommunikation.

Die Synthese aus «Mystery Train», diesem Film über die Zeit, und den Reisen durch Amerika in «Stranger than Paradise» sowie «Down by Law» stellt schließlich der Anti-Western «Dead Man» dar. Dieser erzählt einerseits von einer Reise aus dem zivilisierten Osten in den Westen andererseits aber auch von einer Reise in die Vergangenheit und darüber hinaus von einer mythischen Reise vom Leben in den Tod.

Immer rezipiert Jarmusch, der formal stark vom fragmentarischen und lakonischen Stil eines Robert Bresson oder Yasujiro Ozu beeinflusst ist, in seinen Filmen die Filmgeschichte und variiert auf ungewöhnliche Weise klassische Genres. Wie er in «Down by Law» mit dem Film Noir sowie dem amerikanischen Gefängnisfilm der 30er und 40er Jahre spielt, mit «Ghost Dog» Jean-Pierre Melvilles Gangsterfilm «Le Samourai» (1967) und mit «The Limits of Control» John Boormans Thriller «Point Blank» (1967) seine Reverenz erweist, so interpretiert er in «Only Lovers Left Alive» (2013) den Vampirfilm und in «Dead Man» den amerikanischen Western neu.

Alle klassischen Motive dieses Genres werden durchgespielt, der Stadt wird das noch unzivilisierte Land gegenüber gestellt, ein Kapitalist, eine Bardame, Kopfgeldjäger, Trapper und Indianer treten auf. Die Fortbewegung erfolgt mit Zug, Pferd und schließlich mit Kanu.

Doch mit der Utopie vom «Goldenen Westen» bricht Jarmusch gründlich: Vorbei am gnadenlosen Abschlachten von Büffeln und an Massakern von Indianern führt William Blakes Reise in die düstere Westernstadt Machine. – Finsterer als seine anderen Filme ist «Dead Man». Er führt in eine von den Weißen zerstörte Welt, aber auch hier schimmert die Ambivalenz durch, die schon Roberto Benigni in «Down by Law» formuliert: «It´s a sad and beautiful world.»

Trailer zu «Stranger than Paradise»

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F: 0041 (0)61 691 10 40
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  • Jim Jarmusch (geb. 1953)
  • Stranger than Paradise (1984)
  • Down by Law (1986)
  • Mystery Train (1989)
  • Dead Man (1995)
  • Ghost Dog (1999)
  • The Limits of Control (2009)
  • Only Lovers Left Alive (2013)
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